Sitemap Kontakt Impressum

 Inhalt

Übersicht  
Titel     
 Skandale in Deutschland
 nach 1945
 Der Fall Contergan
 Ein Minister und seine
 Vergangenheit
Ausstellungen  
Infothek  
Ausgewählt  
Brennpunkt  
Zeitgeschichtliches
Forum Leipzig  
Berlin        
                       
Karikatur                       
Editorial                      
Archiv                
Termine 4/2007                
Impressum 4/2007                
                       
                                        
 aktuelle Ausgabe                  

 Haus der Geschichte, Bonn

 Zeitgeschichtliches Forum
 Leipzig

Archiv

Titel

 

Der Fall Contergan

Skandal um ein Schlafmittel

Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan verursachte 1961 den größten Arzneimittelskandal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1957 auf dem Markt, sollte es „in allen Lebenslagen“ Ruhe und Erholung bieten. In den Aufbaujahren der Wirtschaftswunderzeit wurde es zu einem der meistverkauften Schlafmittel seiner Zeit.

Die Herstellerfirma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen empfahl Contergan zunächst als „völlig ungiftig“. Gleichzeitig sorgte der sprunghafte Anstieg von körperlichen Fehlbildungen bei Neugeborenen in der Bundesrepublik für Aufsehen. Etwa 5.700 körperbehinderte Kinder kamen zwischen 1958 und 1962 zur Welt, etwa 3.000 von ihnen überlebten die ersten Monate nicht. Politik und Öffentlichkeit spekulierten, es handele sich um Folgen von Atomversuchen. In Hamburg machten betroffene Eltern den Kinderarzt Widukind Lenz auf die Missbildungen aufmerksam, der Kontakte zu Ärzten und Wissenschaftlern knüpfte und nach den Ursachen forschte. Am 15. November 1961 informierte er Grünenthal über seinen Verdacht, Contergan könnte die Fehlbildungen bewirkt haben. Doch erst als am 26. November die „Welt am Sonntag“ berichtete, nahm das Pharmaunternehmen sein Erfolgsprodukt vom Markt. Grünenthal musste sich nach den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen außerdem vorwerfen lassen, jahrelang viele Hinweise auf starke Nebenwirkungen wie Nervenschäden missachtet zu haben. Eine ausreichende gesetzliche Kontrolle von Medikamentenproduktion und -vertrieb gab es Ende der 1950er Jahre noch nicht.

Persönliches Schicksal: Taschenkalender einer Mutter, die 1961 ein Contergangeschädigtes Kind zur Welt bringt.

 

Gefährliche Wirkung einer einzigen Tablette: Der Wirkstoff Thalidomid führte in den ersten Monaten der Schwangerschaft zu Schädigungen des Embryos.

 

Die Frage nach der Schuld

Von 1968 bis 1970 fand ein Aufsehen erregender Prozess gegen führende Vertreter des Pharmaunternehmens statt. Die Eltern von 220 Contergan-geschädigten Kindern traten als Nebenkläger auf, Grünenthal bot zwanzig renommierte Juristen als Verteidiger auf. Für Empörung in der Öffentlichkeit sorgte, dass am Ende der Vorwurf der Körperverletzung und fahrlässigen Tötung fallengelassen und das Verfahren wegen „geringfügiger Schuld“ eingestellt wurde. Grünenthal und die betroffenen Familien einigten sich außergerichtlich. Das Pharmaunternehmen zahlte 100 Millionen DM plus Zinsen in eine Stiftung „Hilfswerk für behinderte Kinder“. Die Bundesregierung beteiligte sich mit der gleichen Summe, um die Folgen der Arzneimittelkatastrophe zu lindern. Die Betroffenen erhielten je nach Schwere der Behinderung eine bescheidene Rente, die heute bei maximal 545 Euro liegt. Sie mussten dafür auf alle weiteren Ansprüche verzichten.

Die Folgen des Skandals

In den 1960er Jahren, die von großem Fortschrittsglauben geprägt waren, machte die Contergan-Katastrophe schlagartig die Grenzen des medizinischen Fortschritts deutlich. Unter dem Eindruck des Skandals wurde das Arzneimittelgesetz grundlegend reformiert. Ein komplexes und langwieriges Zulassungsverfahren löste 1978 die bloße Registrierungspflicht für neue Medikamente ab.

Die Gesellschaft sah sich mit dem Schicksal tausender „Contergan-Kinder“ konfrontiert, viele der Betroffenen mussten mit Vorurteilen und Ablehnung leben. Mit Hilfe der Medien, die umfangreich über Contergan und die Folgen berichteten, wurde das Thema „Behinderung“ nachhaltig enttabuisiert. So stand auch die Gründung der „Aktion Sorgenkind“ 1964 in direktem Zusammenhang mit dem Medikamentenskandal. Das ZDF als Mitbegründer bot der Aktion in seinen Unterhaltungssendungen eine breite Plattform und trug damit wesentlich zu einem Mentalitätswandel bei.

Claudia Freytag

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

zum Seitenanfang