1/2012

 

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Berlin

Einsichten in verschlossene Machtzentralen

Firmennachlass Bosse in der Sammlung Industrielle Gestaltung

In vielen Fotomappen dokumentierte der Weimarer Innenarchitekt Walter Bosse seine Arbeit: Leere Räume – etwas anderes ist auf den meisten Bildern kaum zu sehen. Chefbüros, Kulturhäuser, Gästehäuser der Regierung und Hotelzimmer, jedoch (noch) ohne Menschen, mit ausladenden Möbeln und gerüschten Stoffen in den 1950er, fast nüchtern in den 1960er Jahren. Wären nicht Porträts des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, Staatswappen oder Losungen auf den Fotos zu erkennen, könnten diese Verwaltungen und öffentlichen Gebäude so überall eingerichtet worden sein. Doch hinter dieser Alltäglichkeit zeigen die Bilder etwas Seltenes, Besonderes: Einblicke in sonst verschlossene Machtzentralen und neu erbaute Repräsentationsräume der frühen DDR.

 

Besonders wichtigen Auftraggebern hatte Bosse in einem farbigen Entwurf die geplante Raumausstattung gezeigt. So ließ sich der Ortskommandant der sowjetischen Besatzungsmacht in Weimar 1946 seine Amtszimmer von der Handwerkerfirma Bosse einrichten. Später bestellten etwa der Ministerrat der DDR oder Großbetriebe wie das VEB Hüttenkombinat Maxhütte Unterwellenborn Möbel, Wandschmuck und Stoffe bei dem mittelständischen Familienbetrieb. Auch der Aufbaustab der sozialistischen Mustersiedlung Stalinstadt, seit 1961 Eisenhüttenstadt, ließ den Innenarchitekten Bosse die Gaststätte „Aktivist“, das Hotel „Lunik“ und das Büro des Oberbürgermeisters mit ausstatten.

 

Kein verstaatlichtes Volkseigentum

 

Offenbar konnten solche komplexen und oft dringenden Projekte nicht von volkseigenen Betrieben umgesetzt werden. Die traditionsreiche Privatfirma Bosse kämpfte mit ihren eigenen Werkstätten erfolgreich gegen die notorischen Lieferengpässe der DDR-Wirtschaft an, wie die erhaltenen Briefwechsel und Rechnungsbücher zeigen. Den guten Ruf hatte sich die Firma als früherer „Hofdekorateur“ des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach seit ihrer Gründung 1835 in vielen Aufträgen für Adel, Bürger und Verwaltungen erworben. Walter Bosse konnte mehrere Versuche abwenden, seine Firma zu verstaatlichen, bis er sich 1982 zur Ruhe setzte. Er übereignete seit 1988 einen Teil der Unterlagen der Sammlung Industrielle Gestaltung in Berlin. Die vollständige Dokumentation dieser mehr als 150-jährigen Geschichte gelangte kürzlich als großzügige Spende der Söhne Dankmar und Andreas Bosse an die Stiftung Haus der Geschichte. Die etwa 1.300 Konvolute mit Entwürfen, Fotos, Geschäftsunterlagen und Materialproben wurden nun erfasst und stehen für Ausstellungen zur Verfügung. In dieser Geschlossenheit erzählen sie Wirtschafts- und Alltagsgeschichte der DDR aus einer seltenen Perspektive.




Foyer des Kulturhauses der Maxhütte Unterwellenborn, Erstzustand, etwa 1955/56



Entwurf für einen Ruheraum in der sowjetischen Militäradministration Thüringen, Weimar 1947











Johanna Sänger