1/2012

 

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Brennpunkt

Wiedervereinigung en miniature

Helgoland wird am 1. März 1952 wieder deutsch

Am 20. Dezember 1950 tuckerten die Heidelberger Studenten Georg von Hatzfeld und René Leudesdorff auf einem alten Kahn zur Insel Helgoland. Sie war damals militärisches Sperrgebiet und diente als Übungsgelände für Bombenabwürfe der britischen Royal Air Force. Als die Eindringlinge das Eiland betraten, waren sie entsetzt über die „Mondlandschaft“, die sie vorfanden.

 

Es begann eine unwirtliche Zeit: Kälte, Sturm und das Entbehren jeglichen Komforts machten den Wagemutigen zu schaffen. Die Invasoren hissten die Flaggen Europas, der Bundesrepublik Deutschland und das grün-rot-weiße Banner Helgolands, was bei Windstärke 7 und Schneetreiben alles andere als ein „Zuckerschlecken“ war. Zu der inzwischen vielköpfigen Studentengruppe – pazifistisch, europäisch oder auch national gesinnt – gesellte sich am 29. Dezember der Historiker und Publizist Hubertus Prinz zu Löwenstein, der eigentliche Inspirator des Besetzungsplans.

 

Die Briten reagieren

 

Am 3. Januar 1951 warf die „Royal Eileen“ unter dem Kommando des britischen Majors Frederick Arthur Messenger vor Helgoland Anker. Es gelang der Autorität Löwensteins, die Mehrheit der Okkupanten dazu zu bewegen, der Gewalt zu weichen und damit eine Eskalation zu vermeiden. Der britische Offizier und der Remigrant Löwenstein gingen wie Gentlemen miteinander um. Das Presseecho in Deutschland war überwältigend: Helgoland füllte die Titelseiten. Konnte die Bundesrepublik zum Verbündeten des Westens gegen die Sowjetunion werden, wenn London deutsches Territorium nach Gutdünken in Flammen aufgehen ließ?, hallte es durch die Gazetten. Die britische Regierung ließ einige Wochen verstreichen, doch Ende Februar 1951 schickte sie sich aus Staatsräson ins Unvermeidliche und kündigte die Freigabe an.

 

Helgoland: Festung und Flottenstützpunkt

 

Helgolands Schicksal hing bis dahin am seidenen Faden: Am 18. April 1945 verwandelten fast tausend britische Bomber die erst 1890 durch den Helgoland-Sansibar-Vertrag mit London deutsch gewordene Insel in ein Trümmerfeld. Auf den Tag genau zwei Jahre danach erschütterte eine gewaltige Detonation die Deutsche Bucht: der „Big Bang“. Die britische Marine sprengte die militärischen Anlagen in die Luft, mit denen in der wilhelminischen und besonders in der nationalsozialistischen Epoche die Absicht verfolgt worden war, Helgoland zu einer Festung und zu einem Flottenstützpunkt auszubauen. Ob die Briten das nur einen Quadratkilometer große Eiland ganz zerstören wollten, ist bis heute umstritten, erscheint aber trotz der immensen Zahl von 6.700 Tonnen Sprengstoff zweifelhaft. Jedenfalls trotzte der Felsensockel dem Inferno. Die Landesregierung von Schleswig-Holstein, später auch die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag, bemühten sich darum, den britischen Militärs die einzige deutsche Hochseeinsel zu entreißen, auf der Hoffmann von Fallersleben 1841 das Deutschlandlied gedichtet hatte. Aber auch die etwa 2.500 evakuierten und auf Küstenstädte verteilten Einwohner legten keineswegs die Hände in den Schoß und gründeten den „Club Halluner Moats“. Dann kamen die Studenten …

 

Wiederaufbau einer Mondlandschaft

 

Am 1. März 1952 feierten die Helgoländer gerührt in ihrer zurückgewonnenen Heimat die Übergabe an die deutsche Verwaltung in Anwesenheit des Kieler Ministerpräsidenten Friedrich Wilhelm Lübke – die erste Wiedervereinigung im geteilten Deutschland. So erfreulich diese Entscheidung war: Die im Herbst 1951 vereinbarte Bombardierung des Großen Knechtsandes als Ersatzziel bedeutete eine schlimme Belastung für die Fischer am Dorumertief und die Küstenbevölkerung im Bremer Raum. Der Wiederaufbau Helgolands dauerte Jahre. Heute ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel und beherbergt mit dem Lummenfelsen das kleinste Naturschutzgebiet der Welt. Im Juni 2011 entschieden sich die Helgoländer mehrheitlich dagegen, die vorgelagerte Düne mit feinem Sandstrand durch eine Aufschüttung für Urlauber trockenen Fußes erreichbar zu machen. Aber diese Wiedervereinigung wäre nur eine Option für mehr Bequemlichkeit gewesen und keine Schicksalsfrage.


 

Die beiden deutschen Studenten Georg von Hatzfeld und René Leudesdorff hissen am 20. Dezember 1950 auf Helgoland die Fahne der Bundesrepublik Deutschland und die Europaflagge, um für die Rückgabe der Insel an ihre Bewohner zu demonstrieren.

Herbert Elzer