2013

 

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Grußwort

Editorial

Zur Ausstellung

 

 

Morgens, mittags, abends, bisweilen auch zwischendurch: Hausmannskost oder Delikatessen, aus dem Ausland oder der heimischen Region, am festlich gedeckten Tisch oder vor dem Fernseher – unsere Ernährung ist allgegenwärtiger Bestandteil unseres Alltags. Eine ständig wachsende Zahl von Koch- und Backbüchern, Diätratgebern, Restaurantführern und immer neuen Kochsendungen versorgt die Deutschen täglich mit vielerlei Tipps rund um Essen und Trinken.

 

Die Ausstellung „Is(s) was?! Essen und Trinken in Deutschland“ beschäftigt sich mit den vielfältigen Ernährungsgewohnheiten in Deutschland und ihren historischen Wurzeln. Was, wann, wo und wie wir essen, ist abhängig von einer Vielzahl von Faktoren, die in Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft verankert sind.

 

Nach dem Mangel in den 1940er Jahren, in denen Lebensmittelkarten und Hamsterfahrten die oft mühsame Suche nach Nahrungsmitteln prägten, schöpften die westdeutschen Hausfrauen seit den 1950er Jahren zunehmend wieder aus dem Vollen. Die „Fresswelle“ erreichte die Bundesrepublik: Selbstbedienungsmärkte mit vollgepackten Regalen lösten „Tante-Emma-Läden“ ab, neue Fertigprodukte eroberten deutsche Küchen und erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit. In der DDR übernahmen Schul- und Betriebskantinen die Verpflegung der Familienmitglieder während des Arbeitstages. Doch staatliche Fehlplanung in der SED-Diktatur führte hier ebenso wie am heimischen Herd zu Mangel an Südfrüchten, Kaffee, Gewürzen und hochwertigem Fleisch.

 

Heute sind bei vielen Deutschen Gerichte mit ausländischem Ursprung sehr beliebt. Der Besuch beim Italiener oder Chinesen gehört zum Alltag. Den Appetit auf die Speisen ferner Länder brachten die Bundesbürger seit den 1950er Jahren von ihren Urlaubsreisen mit, die Arbeitsmigranten aus Südeuropa importierten ihre Spezialitäten. Die Deutschen wurden zu begeisterten Abnehmern von Pizza, Döner und Souvlaki. Die DDR hingegen schottete sich auch kulinarisch ab: Zwar boten die „Nationalitätenrestaurants“ mit Speisen aus den „sozialistischen Bruderstaaten“ ein wenig Abwechslung, doch Pizzerien und Tavernen suchten Interessierte bis auf wenige Ausnahmen vergebens.

 

Die Esskultur in Deutschland am Anfang des 21. Jahrhunderts ist gespalten: Einerseits investieren viele Menschen heute viel Zeit und Energie in die Auswahl, die Zubereitung und den Genuss von Speisen und Getränken; manch einer inszeniert sich durch seine Vorliebe für Sushi und Molekularküche als weltgewandter Feinschmecker. Andererseits ernährt sich ein großer Teil der Bevölkerung vor allem preisbewusst und mit geringem Aufwand. Lebens-mittelskandale und ernährungsbedingte Krankheiten scheinen Folgen dieser Gleichgültigkeit zu sein. Während jeder Bundesbürger pro Jahr im Schnitt etwa 80 kg Lebensmittel in den Abfall wirft, wächst die Zahl der Menschen, die sich aus eigenen Mitteln nicht ausreichend versorgen können: Die „Tafeln“ verteilen seit 20 Jahren Nahrungsmittel an bedürftige Personen.

 

Die Ernährung spiegelt soziale und kulturelle Zugehörigkeiten, gesellschaftliche Realitäten und Mentalitäten. Zu einer Entdeckungsreise durch die deutsche Esskultur laden wir Sie herzlich ein!

 

Dr. Hans Walter Hütter

Präsident und Professor