3/2008

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Dokument der Trauer

Fotoalbum zur Sprengung der Leipziger Universitätskirche

„Wehe denen, die Schaden zu tun trachten …, weil sie die Macht haben.“ Dieses Bibelzitat findet sich in einem Fotoalbum von 1968, das seit kurzem in der Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig präsentiert wird. Das Album erinnert mit bisher unveröffentlichten Fotos an jene bleibende Wunde im Bewusstsein vieler Leipziger Bürger, welche die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968 gerissen hat.

Das Fotografieren und Filmen der Sprengung war streng verboten. Nur wenige wagten es, diese staatliche Handlung mit versteckter Kamera zu dokumentieren. Erst nach 1989 konnten Fotos und Schmalfilme über die Sprengung der Leipziger Universitätskirche öffentlich zugänglich und seit 1999 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig präsentiert werden. Nun sind neue, bisher unbekannte Fotos hinzugekommen: Amateurfotograf Hans Bleier, damals Geschäftsführer des Schreibwarenwerks Garant, hatte 1968 vom Turm der Thomaskirche die Sprengung fotografiert.

Die Paulinerkirche

Im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs unversehrt geblieben, wurde die Paulinerkirche 23 Jahre später Opfer eines politischen Willküraktes: Walter Ulbricht, erster Sekretär des Zentralkomitees der SED, drängte auf ihre Zerstörung, da sie nicht zu seinen Plänen einer sozialistischen
Stadt(um)gestaltung passte. Mit der Sprengung wollte er zugleich die Kirche als Institution in die Schranken weisen und die Verbreitung christlicher Gedanken in der DDR einschränken. Angesichts des „Prager Frühlings“ in der Tschechoslowakei, wo sich die tschechoslowakische Kommunistische Partei unter Alexander Dubcvek im Frühjahr 1968 bemühte, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm durchzusetzen, reagierte die SED nervös. Oppositionelle Bestrebungen in der DDR wurden im Keim erstickt.

Verbotene Fotografien

Hans Bleier wurde auf dem Turm der Thomaskirche nicht entdeckt. Noch am 30. Mai 1968 sandte er den belichteten Film per Post zu Verwandten nach Frankfurt am Main, um die verbotenen Bilder von der Sprengung der Paulinerkirche vor der Staatssicherheit in Sicherheit zu bringen. Später schenkte er einigen guten Freunden in Leipzig Abzüge der Bilder.

Im März 2008 erinnerte sich die Leipzigerin Christiane Sommerfeld aufgrund eines Zeitungsartikels über die Sprengung der Paulinerkirche an Fotografien aus dem Nachlass ihres Vaters Rudolf Daniel. Dieser hatte als einer der Freunde Hans Bleiers die ihm übergebenen Abzüge in ein Fotoalbum geklebt und jedes von ihnen mit kommentierenden Bibelsprüchen versehen. Auf diese Weise entstand ein historisches Dokument, das nicht nur von der Sprengung, sondern auch von der Trauer vieler Menschen über den Verlust der Paulinerkirche zeugt. Christiane Sommerfeld übergab ihren wertvollen Fund dem Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, wo das Fotoalbum nun – 40 Jahre nach der Zerstörung der Universitätskirche – im Original zu sehen ist.

Bernd Lindner

Fotoalbum mit Aufnahmen von der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968

 

Christiane Sommerfeld (M.) übergibt dem Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig Rainer Eckert (r.) und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Bernd Lindner (l.) das Fotoalbum ihres Vaters.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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