1/2012

 

 Inhalt

Leipzig

Traum und Tristesse

Fotografien von Harald Kirschner

Berlin-Marzahn, Dresden-Prohlis, Halle-Neustadt, Jena-Lobeda, Leipzig-Grünau – die Bindestrich-Orte stehen für Plattenbausiedlungen, die ab Mitte der 1970er Jahre in der DDR vornehmlich an den Stadträndern entstanden sind. Vielen Ostdeutschen galt die Zuweisung einer Plattenbauwohnung als „Sechser im Lotto“, andere empfanden die dort vorherrschende Uniformität der Architektur und die oftmals katastrophale Infrastruktur als deprimierend. Diesem Spannungsverhältnis zwischen „Traum und Tristesse“ auf der Spur sind rund 70 Aufnahmen des Leipziger Fotografen Harald Kirschner, die das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig vom 8. März bis 24. Juni 2012 präsentiert. 

 

„Im Hochhaus eine Wohnung, eine Miete, die man mit links bezahlt, 100 Quadratmeter mit Blick auf die Stadt von oben, und dann noch irgendwo eine Datsche. Das war das absolut Größte, was einem passieren konnte, in diesem Land. Vielleicht noch ein Auto (...). Da war man glücklich, restlos.“ Diese Erinnerung eines „Bewohners der ersten Stunde“ des Neubaugebietes Leipzig-Grünau hat nichts mit verklärender „Ostalgie“ zu tun. Denn im Vergleich zu den „normalen“, beengten Wohnverhältnissen, welche die Altbausubstanz in den Innenstädten bot – allzu oft in sogenannter Teilmiete, mit Toilette auf halber Treppe, Ofenheizung und undichten Dächern – waren die Plattenbauwohnungen höchst komfortabel: Zentralheizung, Innentoilette, fließend warmes Wasser. Eine Wohnung „in der Platte“ war dementsprechend begehrt.

 

Vom Leben in der Platte

 

Die Entstehung der zahlreichen Plattenbausiedlungen geht auf das 1973 verabschiedete Wohnungsbauprogramm der SED zurück. Denn die Förderung des Wohnungsbaus war einer der Eckpfeiler der Politik von Staats- und Parteichef Erich Honecker seit 1971, ja sogar „Kernstück der Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Stets und ständig propagiertes Ziel: die „Wohnungsfrage als soziales Problem zu lösen“, denn in der DDR fehlten rund drei Millionen Wohnungen.

 

1976 fiel der erste Spatenstich für die Neubausiedlung Leipzig-Grünau. 1981 erhielt Harald Kirschner eine Wohnraumzuweisung für eine der wenigen „Atelierwohnungen“, zog zusammen mit seiner Familie in ein „PH 16“, wie die 16-geschossigen Punkthochhäuser mit quadratischer Grundfläche abgekürzt wurden. Der 37-jährige Kirschner hatte sich – nach Studium und Lehre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig – gerade als freiberuflicher Fotograf selbstständig gemacht.

 

„Arbeiterschließfächer“

 

Als Betroffener und zugleich professioneller Beobachter dokumentierte Kirschner seither die Entwicklung der Neubausiedlung. Mit seiner Kamera hielt er die euphorische Aufbruchstimmung der ersten Jahre fest, das Bemühen der Menschen, dem „Leben nach Plan“ in den „Arbeiterschließfächern“, wie die Plattenbauten bald im Volksmund genannt wurden, Individualität zu verleihen. Die Bilder bezeugen den provisorischen Charakter der Anfangszeit, die zunehmenden Abnutzungserscheinungen und die Umbruchstimmung 1989 / 90. Sie offenbaren die Mängel der Planwirtschaft, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im „real existierenden Sozialismus“ und zeigen zugleich viel Sympathie für die Menschen, die darin lebten.




Impressionen vom Leben im DDR-Plattenbau, 1980er Jahre





 

 

Henrike Girmond