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 Haus der Geschichte, Bonn

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Melodien für Millionen

Neue Ausstellung im Haus der Geschichte

Der Schlager begeistert Millionen Menschen seit über 100 Jahren. Geliebt oder belächelt reagiert er auf politische und gesellschaftliche Strömungen. Die neue Ausstellung „Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers“ im Haus der Geschichte in Bonn widmet sich ab dem 9. Mai dem Schlager vor seinem zeitgeschichtlichen Hintergrund.

„Ich liebe Schlager, weil sie etwas mit der Kultur des Landes zu tun haben, aus dem ich stamme“, bekennt Götz Alsmann. Wie für Alsmann so hat der Schlager auch für Millionen älterer und jüngerer Menschen Bedeutung; jede Generation hat ihre Erfahrungen mit ihm gemacht und ihn ebenso geliebt wie sich daran gerieben. Schlager werden in hohem Maße mit Gefühlen und Emotionen verknüpft. Zugleich sind sie aber auch ein kommerzielles Massenprodukt, das eng mit der modernen Industriegesellschaft verbunden ist. Ihre Entwicklungen spiegeln die in einer Epoche gesellschaftlich, politisch und musikalisch vorherrschenden Werte und Strömungen sowie die aktuellen Wünsche und Sehnsüchte der Hörer wider. Somit reflektieren Schlager Zeitgeschichte und werden als „Melodien für Millionen“ zu einem spannenden und abwechslungsreichen Ausstellungsthema für ein zeithistorisches Museum. Denn die Ausstellung präsentiert beides: Emotionalität und Hintergründe des Phänomens Schlager.

„Einschlagende Musikstücke“

Ursprünglich ist der Begriff „Schlager“ keine musikalische Gattungsbezeichnung, sondern wurde erstmals im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch als Begriff für erfolgreiche, „einschlagende“ und gut verkäufliche Musikstücke verwendet. Schlager, Medien und Kommerzialität bedingen sich bis heute gegenseitig und sind untrennbar miteinander verbunden.

Die Ausstellung im Haus der Geschichte zeigt in einem Gang durch die Geschichte die Wechselwirkung zwischen der deutschsprachigen, populären Musik und den auf sie einwirkenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. „Schlager, die man nie vergisst“ begleiten die Besucher chronologisch vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart: Ob als letztes Stückchen „heile Welt“ in der Nachkriegszeit, als Projektionsfläche neu erwachter Sehnsüchte und Träume in der Zeit des Wirtschaftswunders oder ab den 1970er Jahren in der ZDF-Hitparade als Ohrwurm allgegenwärtig: Der Schlager verkörpert von jeher auch die Suche nach Harmonie, Glück und den Glauben an das Gute.

Live aus dem Studio

Mittelpunkt der Ausstellung bildet die Szenerie eines Fernsehstudios. Der Besucher tritt in ein Aufnahmestudio, das die Situation kurz vor der Produktion einer großen Show zum Jahrhundert des Schlagers zeigt. Im Eingangsbereich sind Objekte aus der unmittelbaren Entstehungsphase des Schlagers in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sehen. So markieren mechanische Musikinstrumente wie ein Orchestrion oder ein „Berliner Grammofon“ frühe Etappen auf dem Weg zur Wiedergabe konservierter Musik. Danach gelangt der Besucher in die eigentliche Produktionshalle. Plakate auf einer Litfasssäule kündigen Revuen und Operetten mit bekannten Schlagern an.

Zur Bühne

Einzelne Showbühnen thematisieren in der Ausstellung jeweils einen Zeitabschnitt: die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Wiederaufbau nach 1945 bis hin zu aktuellen Tendenzen. Die DDR-Bühne vertieft Anspruch und Wirklichkeit des Schlagers im Sozialismus.

Auf der „Weimarer Bühne“ begegnet der Besucher „dem süßesten Mädel der Welt“, Lilian Harvey, ebenso wie dem Schlager „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen“, den Robert Steidl 1922 für den Kölner Karneval komponierte und textete. Der Schlager aus den „Goldenen Zwanzigern“ zwischen der Inflation von 1923 und der Weltwirtschaftskrise von 1929 traf mit seiner ironischen Thematisierung der dramatischen Geldentwertung den Nerv der Hörer in dieser Krisenzeit.

Ein Blick hinter die „Kulissen“ ermöglicht, den Schlager in seinem gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Kontext zu verfolgen. So führt zum Beispiel die „Kulisse Weimarer Republik“ die Wechselwirkung zwischen dem noch jungen Schlager, der Verbreitung des Grammofons und dem in dieser Zeit aufkommenden Hörfunk vor Augen. Letzterer bediente ebenso wie Schallplatten und der 1929 aufkommende Tonfilm das starke Bedürfnis vieler Menschen nach Trost und Ablenkung von den Problemen des Alltags. Die Unterhaltungsmusik blieb auch nach 1933 beliebt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch für den Schlager eine neue Phase. Die Bühne „Nationalsozialismus“ gibt Auskunft darüber, wie für den Schlager der wirtschaftliche Erfolg als zentraler Faktor zurücktrat und der Dienst im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda Vorrang erhielt. Die Machthaber verfolgten jüdische Schlagerkomponisten und -texter und verboten ihre Werke; so erhielten auch die Comedian Harmonists Auftrittsverbot. Beliebt waren zunehmend vordergründig unpolitische, schicksalsergebene und optimistische Lieder wie „Davon geht die Welt nicht unter“, ein Titel von 1942. Die Kombination aus Durchhalteparolen und Realitätsflucht, vorgetragen von gefeierten Stars, war charakteristisch für die systemstabilisierende Funktionalisierung des Schlagers.

Die Showbühne „Wiederaufbau nach 1945“ zeigt eindrücklich, wie der Schlager vom Kampf um das Überleben, der die unmittelbare Nachkriegszeit prägte, ablenkte und Ersatzwelten schuf. Mit dem beginnenden Wirtschaftswunder sang Caterina Valente „Ganz Paris träumt von der Liebe“ und verbreitete damit die Stimmung einer „heilen Welt“. Der deutsche Film ging auf diese Sehnsucht der Nachkriegsgesellschaft ein. Auch die bis heute angeblich meistverkaufte deutsche Single - Freddy Quinns Lied „Heimweh“ mit der vom Begleitchor gesungenen bekannten Zeile „So schön, schön war die Zeit“ aus dem Jahr 1956 - greift das Thema auf.

In den 1960er Jahren verdrängte das Fernsehen zunehmend das Kino und die Musikboxen in den Gaststätten. Conny Froboess und Peter Kraus galten als Inbegriff einer neuen Generation, die die neuen technischen Errungenschaften nutzte und das Wirtschaftswunder zu genießen schien.

„Schlager, die man nie vergisst“

Um aktuell zu bleiben, nahm der Schlager häufig Elemente aus unterschiedlichen populären Musikrichtungen auf, beispielsweise in den 1970er und 1980er Jahren aus der Rockmusik. In dieser Zeit avancierte die „ZDF-Hitparade“ zur beliebten Musiksendung. Für viele bis heute der Inbegriff des Schlagers, wird die „ZDF-Hitparade“ in der Ausstellung durch eine begehbare Zuschauertribüne in Erinnerung gerufen. Objekte und Medien vergegenwärtigen Prominente, die untrennbar mit dem Schlager in dieser Zeit verbunden sind: Den langjährigen Moderator der Hitparade Dieter Thomas Heck oder Udo Jürgens, dessen gläserner Flügel für den Sänger in der Ausstellung bereitsteht.

Zu den „Aktuellen Tendenzen“ zählt vor allem ab den 1990er Jahren auch das Schlager-Revival. Schlagerinterpreten wie Dieter Thomas Kuhn oder DJ Ötzi besitzen oft Kultstatus. Der von Produzenten initiierte, von Fangemeinden geförderte und von den Medien propagierte Starkult garantiert die erfolgreiche Vermarktung einer „personalisierten Musik“ bis in die Gegenwart.

Der Besucher hat auf den Bühnen an Medienstationen die Möglichkeit, aus hunderten von zeittypischen Titeln seine Lieblingsschlager auszuwählen oder sich einen Eindruck von vielleicht noch unbekannten Liedern zu verschaffen. Diese individuelle Titelwahl wird ausgewertet und am Ende der Ausstellung auf einer Anzeigentafel präsentiert als „Besucher-Charts: Das Jahrhundert des Schlagers“.

Hanno Sowade

 

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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