1/2010

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Der Wettkampf seines Lebens

Die Flucht des Leistungsschwimmers Axel Mitbauer aus der DDR

In den gesamten 40 Jahren ihrer Existenz waren Flucht und Ausreise ständige Begleiterscheinungen der DDR. Selbst als Mauer, Selbstschussanlagen und Minengürtel die beiden Teile Deutschlands trennten, versuchten immer wieder Menschen unter Lebensgefahr, das Land zu verlassen. Zu den spektakulärsten Fluchten gehörte die des 19-jährigen Leistungsschwimmers Axel Mitbauer, der im August 1969 durch die Lübecker Bucht in den Westen schwamm.

Das Ostseebad Boltenhagen war der westlichste Badeort der DDR. An manchen Tagen war von dort aus das bundesdeutsche Ufer zu sehen – für viele eine Verlockung, von hier in den Westen zu gelangen. Die Flucht über die Ostsee ist ein gefährliches Unterfangen: Nach Schätzungen verloren dabei bis zu 170 Menschen ihr Leben. In der Morgendämmerung des 18. August 1969 versuchte auch Axel Mitbauer, Meisterschwimmer des SC DHfK Leipzig, aus der DDR zu flüchten. Er verteilte 30 Tuben Vaseline auf seiner Haut, um sich vor der Kälte des Ostseewassers zu schützen. Mitbauer nutze die Minute, in der die Grenzposten die Leuchtscheinwerfer für eine Minute zur Kühlung abstellten und rannte ins Wasser. Der durchtrainierte Leistungssportler schwamm knapp 22 Kilometer, bevor er eine Leuchtboje in der Lübecker Bucht erreichte, auf der er sich ausruhen konnte. Dort entdeckte ihn der Kapitän der Passagierfähre Nordland und nahm ihn an Bord.

Zu diesem erfolgreichen, aber waghalsigen Unternehmen hatte die SED-Diktatur Mitbauer selbst getrieben: Das sportliche Talent des Leipzigers wurde schon früh entdeckt. Er besuchte eine Sportschule und trainierte sechs bis sieben Stunden am Tag – mit Erfolg: Zwei Mal errang er einen DDR-Meistertitel über 400 und 1500 Meter Freistil. Schwimmen war sein Leben. Doch als sein Freund, FDJSekretär seiner Trainingsgruppe, verhaftet wurde, weil er an der DDR-Propaganda vom „westdeutschen Sportler als Klassenfeind“ zweifelte, befürchtete Mitbauer, dass es ihm ebenso ergehen könnte. Kurz vor den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 suchte er während eines Wettkampfes in Budapest Kontakt zu einem Essener Schwimmer und besprach mit ihm seine Fluchtpläne. Dieser deutsch-deutsche Austausch blieb dem Ministerium für Staatssicherheit jedoch nicht verborgen. Wenige Wochen später wurde Mitbauer an einer Straßenbahnhaltestelle in Leipzig verhaftet. Als er nach sieben Wochen aus dem Gefängnis entlassen wurde, waren die Olympischen Spiele vorbei, und Mitbauer mit einem lebenslangen Start- und Sportstättenverbot belegt. Seine Fluchtpläne nahmen nun konkrete Formen an: Von Boltenhagen wollte er bis zum schleswig-holsteinischen Pelzerhagen schwimmen. Diese Strecke traute er sich als Leistungsschwimmer zu. Mitbauer trainierte in den Seen der Umgebung für seine Flucht und fuhr schließlich im August 1969 an die Ostsee.

Im Visier der Stasi

Axel Mitbauer war – nach Angaben der Birthler- Behörde – einer von etwa 615 Hochleistungssportlern, die zwischen 1950 und 1989 die DDR verließen. Auch der Biathlet Andreas Heß, der Nordische Kombinierer Ralph Pöhland sowie der Fußballer Lutz Eigendorf flüchteten in den Westen, obwohl schon der Versuch der „Republikflucht“ als Staatsverbrechen galt. Die Flucht von privilegierten Spitzensportlern war für das SED-Regime eine besondere Schmach, da zu dem sportlichen Schaden ein Prestigeverlust hinzukam. Um dem vorzubeugen, installierte die SED in den 1970er Jahren ein flächendeckendes Kontrollsystem durch das MfS, das Sportler bereits im Kindesalter verfolgte und später das Berufs- und Privatleben durchleuchtete. Erst mit der Auflösung des MfS während der friedlichen Revolution 1989 fanden auch Kontrolle und Reglementierung des Sports in der DDR ein Ende.

„Ich wusste: Bin ich da mal durch, hält mich nichts mehr auf.“
Axel Mitbauer

Kornelia Lobmeier

 

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