In den gesamten 40 Jahren ihrer Existenz waren Flucht und Ausreise ständige Begleiterscheinungen der DDR. Selbst als Mauer, Selbstschussanlagen und Minengürtel die beiden Teile Deutschlands trennten, versuchten immer wieder Menschen unter Lebensgefahr, das Land zu verlassen. Zu den spektakulärsten Fluchten gehörte die des 19-jährigen Leistungsschwimmers Axel Mitbauer, der im August 1969 durch die Lübecker Bucht in den Westen schwamm.
Das Ostseebad Boltenhagen war der westlichste
Badeort der DDR. An manchen Tagen
war von dort aus das bundesdeutsche Ufer
zu sehen – für viele eine Verlockung, von hier
in den Westen zu gelangen. Die Flucht über die Ostsee ist ein gefährliches Unterfangen: Nach Schätzungen verloren dabei bis zu 170 Menschen ihr Leben. In der Morgendämmerung
des 18. August 1969 versuchte
auch Axel Mitbauer, Meisterschwimmer des
SC DHfK Leipzig, aus der DDR zu flüchten. Er
verteilte 30 Tuben Vaseline auf seiner Haut,
um sich vor der Kälte des Ostseewassers zu
schützen. Mitbauer nutze die Minute, in der
die Grenzposten die Leuchtscheinwerfer für
eine Minute zur Kühlung abstellten und rannte
ins Wasser. Der durchtrainierte Leistungssportler
schwamm knapp 22 Kilometer, bevor
er eine Leuchtboje in der Lübecker Bucht erreichte,
auf der er sich ausruhen konnte. Dort
entdeckte ihn der Kapitän der Passagierfähre
Nordland und nahm ihn an Bord.
Zu diesem erfolgreichen, aber waghalsigen
Unternehmen hatte die SED-Diktatur Mitbauer
selbst getrieben: Das sportliche Talent des
Leipzigers wurde schon früh entdeckt. Er besuchte
eine Sportschule und trainierte sechs
bis sieben Stunden am Tag – mit Erfolg: Zwei
Mal errang er einen DDR-Meistertitel über
400 und 1500 Meter Freistil. Schwimmen
war sein Leben. Doch als sein Freund, FDJSekretär
seiner Trainingsgruppe, verhaftet
wurde, weil er an der DDR-Propaganda vom
„westdeutschen Sportler als Klassenfeind“
zweifelte, befürchtete Mitbauer, dass es ihm
ebenso ergehen könnte. Kurz
vor den Olympischen Spielen
in Mexiko 1968 suchte
er während eines Wettkampfes in Budapest
Kontakt zu einem Essener Schwimmer und
besprach mit ihm seine Fluchtpläne. Dieser
deutsch-deutsche Austausch blieb dem Ministerium
für Staatssicherheit jedoch nicht
verborgen. Wenige Wochen später wurde
Mitbauer an einer Straßenbahnhaltestelle in
Leipzig verhaftet. Als er nach sieben Wochen
aus dem Gefängnis entlassen wurde, waren
die Olympischen Spiele vorbei, und Mitbauer
mit einem lebenslangen Start- und Sportstättenverbot
belegt. Seine Fluchtpläne nahmen
nun konkrete Formen an: Von Boltenhagen wollte er bis zum schleswig-holsteinischen Pelzerhagen schwimmen. Diese Strecke traute er sich als Leistungsschwimmer
zu. Mitbauer trainierte in
den Seen der Umgebung für seine Flucht und
fuhr schließlich im August 1969 an die Ostsee.
Im Visier der Stasi
Axel Mitbauer war – nach Angaben der Birthler-
Behörde – einer von etwa 615 Hochleistungssportlern,
die zwischen 1950 und 1989
die DDR verließen. Auch der Biathlet Andreas
Heß, der Nordische Kombinierer Ralph
Pöhland sowie der Fußballer Lutz Eigendorf
flüchteten in den Westen, obwohl schon der
Versuch der „Republikflucht“ als Staatsverbrechen
galt. Die Flucht von privilegierten
Spitzensportlern war für das SED-Regime
eine besondere Schmach, da zu dem sportlichen
Schaden ein Prestigeverlust hinzukam.
Um dem vorzubeugen, installierte die SED
in den 1970er Jahren ein flächendeckendes
Kontrollsystem durch das MfS, das Sportler
bereits im Kindesalter verfolgte und später
das Berufs- und Privatleben durchleuchtete.
Erst mit der Auflösung des MfS während der
friedlichen Revolution 1989 fanden auch Kontrolle
und Reglementierung des Sports in der
DDR ein Ende.
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„Ich wusste: Bin ich da mal durch, hält mich nichts mehr auf.“
Axel Mitbauer |
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