1/2012

 

 Inhalt

Titel

Dig, Dag, Digedag. DDR-Comic "Mosaik"

Neue Ausstellung in Leipzig

„Ich will (...) mit farbenfrohen Bildfolgen eine heitere und auch belehrende Unterhaltung für unsere Jugend schaffen.“ Mit diesem Ziel erschien Anfang März 1955 ein 29-jähriger Grafiker und Karikaturist namens Johannes Hegenbarth beim Direktor des der Jugendorganisation FDJ unterstellten Verlags „Neues Leben“. Er warb mit einer Zeichenmappe unter dem Arm für seine Idee einer Comic-Zeitschrift in der DDR. Dies war die Geburtsstunde des „Mosaik von Hannes Hegen“, eines der erfolgreichsten deutschen Comics überhaupt.

 

Das Mosaik war eine Ausnahme in der ansonsten streng reglementierten, von der SED und ihren Blockparteien kontrollierten Presselandschaft der DDR. Die Verantwortung für Inhalt und Gestaltung der Hefte lag weitgehend in den Händen ihres Begründers Johannes Hegenbarth, alias Hannes Hegen. Der Sohn einer böhmischen Glasfabrikantenfamilie, der nach Kriegsdienst und Vertreibung zunächst nach Thüringen, dann zum Kunststudium nach Leipzig und 1951 schließlich nach Ost-Berlin gewechselt war, hatte in den Gesprächen mit dem Verlag großes Verhandlungsgeschick bewiesen.

 

Sonderstatus


So durfte er sich zunächst ohne Einmischung durch die FDJ an die Arbeit machen – ein in der DDR beispielloser Vorgang. Geholfen hatte ihm dabei auch die Tatsache, dass gerade zu dieser Zeit der Kampf um die Köpfe und Herzen der Jugend besonders heftig entbrannt war. Nur wenige Monate zuvor war der Unmut der Bevölkerung über die Politik der SED im Volksaufstand vom 17. Juni 1953 kulminiert. Eine Ursache dafür sah das Regime in einer ideologischen Unterwanderung der Jugend. Dazu trug nach ihrer Ansicht vor allem die Lektüre westlicher Literatur, darunter auch Comics, bei, die vor allem über West-Berlin in den Ostteil der Stadt und in die DDR kam. So definierte das in Leipzig herausgegebene Meyers Neues Lexikon damals das noch junge Genre als „in Westeuropa und besonders in den USA durch monopolkapitalistische Unternehmen und Presseorgane weitverbreitete Bildgeschichten in Fortsetzungen; (…) auf sadistische Gewaltverbrechen, Pornographie, Kriegshetze und Hetze gegen das sozialistische Lager orientiert“. Die im September 1955 erlassene „Verordnung zum Schutze der Jugend“, die den Besitz, die Verbreitung und Aufbewahrung vermeintlicher „Schund- und Schmutzerzeugnisse“ und damit auch von Comics unter Strafe stellte, sollte „schädliche Einflüsse“ von der Jugend fernhalten. Gleichzeitig wollte das SED-Regime „Mickey Mouse“ und Co eine eigene, „sozialistische Bildgeschichte“ entgegensetzen. In dieser Situation kam dem Verlag das Angebot Hegenbarths gerade zur rechten Zeit.

 


Abenteuerwelten


Unter Federführung Hegenbarths erschien das Mosaik von Hannes Hegen von 1955 bis 1975 in 223 Heften mit einer Auflage von bis zu 660.000 Exemplaren – zuerst im Verlag „Neues Leben“, ab 1960 im Verlag „Junge Welt“, der auf Kinder- und Jugendzeitschriften spezialisiert war. Die drei Helden Dig, Dag und Digedag entführten ihre Leser aus der Enge der DDR-Realität auf abenteuerliche Reisen in ferne Zeiten und fremde, oft unerreichbare Länder. Dabei durchstreiften sie die Südsee oder das antike Rom, erlebten Abenteuer im Weltraum, begegneten berühmten Erfindern und begleiteten Ritter Runkel auf eine turbulente Schatzsuche von Venedig über Dalmatien bis nach Kleinasien. Schließlich verschlug es sie in das Amerika kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges und in den märchenhaften Orient.

 


Jungpioniere und kommunistische Helden ließen sich in den Bildgeschichten des Mosaik indes nicht finden. Damit richtete es sich gegen die Erwartungen des Verlags und die Forderungen der SED-Kulturfunktionäre nach ideologischer Parteilichkeit. Immer wieder musste sich Hegenbarth gegen Versuche politischer Einflussnahme wehren. Mehrfach sorgten seine Kritiker dafür, dass die Zeitschrift kurz vor dem Aus stand. Es war vor allem der wirtschaftliche Erfolg, der ihr Überleben sicherte, brachte sie dem Verlag doch von allen seinen Produkten die höchste Gewinnmarge, mit der er seine politischeren und vor diesem Hintergrund wohl auch defizitären Veröffentlichungen finanzieren konnte. Zu diesem Ergebnis trugen vor allem die begeisterten Leser bei, die dafür sorgten, dass die Hefte bereits kurz nach dem Erscheinen restlos vergriffen waren. Das Mosaik von Hannes Hegen gehörte in der gesamten Zeit seines Erscheinens zur begehrten „Bückware“, die meist unter dem Ladentisch lag und nur an ausgewählte Stammkunden verkauft wurde. Die Bildgeschichten faszinierten, boten sie doch spannende, weitgehend unpolitische Unterhaltung und sorgfältig recherchiertes Wissen über Kultur, Geschichte, Naturwissenschaft und Technik, das Generationen Ostdeutscher bis heute prägt.

 

Ende ohne Ende


Im Juni 1975 kam das Ende für das Mosaik von Hannes Hegen und die Digedags. Hegenbarth kündigte Ende 1974 seinen Vertrag mit dem Verlag, weil er mit einer technisch bedingten Reduzierung der Seitenzahl von 24 auf 20 pro Heft nicht einverstanden war. Er schlug vielmehr vor, bei der Hälfte der Ausgaben im Jahr den Umfang auf 32 Seiten zu erhöhen. Darauf ging der Verlag nicht ein, sondern nutzte die Chance, den unbequemen Hegenbarth loszuwerden. Weil der Verlag aber auf sein erfolgreichstes Produkt nicht verzichten wollte, übernahm er den Comic nun in Eigenregie – unter leicht geänderten Namen, mit den Abrafaxen als neue Hauptfiguren und mit großen Teilen des alten Teams. Das Mosaik der Digedags wurde unterdessen zum Mythos, der bis heute viele Menschen begeistert.

 

Die neue Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig geht ab Februar 2012 diesem Mythos nach und macht die Faszination des Mosaik anhand von Originalzeichnungen, Entwürfen und Modellen deutlich. Sie gibt auch einen Einblick in die Arbeitsweise des Teams und würdigt dessen Leistung bei der Herstellung des Comics. Die Schau widmet sich darüber hinaus der Entstehungsgeschichte der Zeitschrift sowie den einzelnen Abenteuerserien und dokumentiert die politischen Rahmenbedingungen dieses außergewöhnlichen Projekts. Durch die Übernahme des umfangreichen Hegenbarth-Archivs als Schenkung in den Bestand der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 ist es erstmals möglich, viele bisher nicht veröffentlichte Arbeiten einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Titelbild des ersten "Mosaik"-Heftes von 1955 - heute eine Rarität für Sammler

 

 

Frühe Entwürfe zu den Digedags, 1955




Blick ins Atelier des "Mosaik"-Teams: (v.li.n.re. stehend) Hannes Hegen, Lothar Dräger, Gisela Zimmermann, Manfred Kiedorf; (v.h.n.v. sitzend) Egon Reitzl, Edith Hegenbarth, Horst Boche, Lona Rietschel




Zensur in der DDR: Das Titelbild zum Heft 18 von 1958 "Angriff aus der Luft" durfte mit den Fallschirmen in Adlerform nicht gedruckt werden, da vermeintlich eine zu große Ähnlichkeit zum Bundesadler bestand.




Eine der beliebtesten Figuren des "Mosaik": Ritter Runkel von Rübenstein, gezeichnet von Edith Hegenbarth als Vorlage für die Ritter-Runkel-Serie, 1963


 

 

Kornelia Lobmeier