Inhalt
Titel
Drei Kobolde beim Klassenfeind
Im Jahr 1968 reiften im Atelier von Johannes Hegenbarth, dem Schöpfer der Comic-Zeitschrift „Mosaik“, in Berlin-Karlshorst Überlegungen, wohin die Reise seiner Comicfiguren Dig, Dag und Digedag in Zukunft gehen sollte. Die Wahl fiel schließlich auf die Vereinigten Staaten von Amerika vor und während des amerikanischen Bürgerkriegs. Dass die sozialistischen Comic-Helden ausgerechnet beim verpönten und tabuisierten Klassenfeind in Erscheinung treten sollten, ist bemerkenswert. Doch die Macher des „Mosaik“ erarbeiteten eine kämpferisch formulierte Konzeption, mit der sie den Verlag „Junge Welt“ der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) überzeugen konnten.
Nach dieser ginge es in der geplanten Mosaik-Serie nicht um triviale Wild-West-Geschichten. „Spekulation, Betrug, Erpressung und Gewalt, Landraub, Rassenhetze und journalistische Sensationsmache“ – das charakterisiere die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten von jeher, so die Mosaik-Redakteure. Die Digedags sollten die jungen Leser auf die Missstände der amerikanischen Gesellschaft aufmerksam machen und sich mit den Armen und Unterdrückten solidarisieren.
Amerika!
Ende der 1960er Jahre – während des Kalten Krieges – entsprach diese Konzeption vollauf dem offiziell propagierten Amerika-Bild in der DDR. SED- und FDJ-Funktionäre wurden nicht müde, die USA als Kriegstreiber im Vietnam-Konflikt darzustellen. Sie verwiesen zudem auf die historische Schuld der Amerikaner in Bezug auf die indianische Urbevölkerung und auf Rassenkonflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Zugleich solidarisierten sie sich mit Vertretern eines „anderen Amerika“, beispielsweise der US-Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davis oder dem amerikanischen Schauspieler, Sänger und Regisseur Dean Reed.
Zwar teilten viele Ostdeutsche mitunter die offiziell verkündete Kritik, doch das „real existierende Amerikabild“ war weitaus differenzierter. Auch jenseits des „Eisernen Vorhangs“ ging von Amerika eine besondere Strahlkraft aus, die vor allem junge Menschen in der DDR erreichte und in ihrer Lebenskultur beeinflusste. Das wussten auch die Macher des Mosaik. Hätten sich Johannes Hegenbarth und sein Team an die eigens verfasste Konzeption gehalten, wäre der Erfolg gewiss ausgeblieben. Stattdessen gelang ihnen auch in dieser Zeit, was für das Mosaik insgesamt prägend war: Statt plumper Propaganda, bei der nur zwischen Freund und Feind unterschieden wird, existieren im Mosaik fein abgestimmte Charaktere mit menschlichen Stärken und Schwächen. „Sympathische Ganoven“ finden darin ebenso Platz wie bieder anmutende „Gutmenschen“.
Jenseits der Ideologie
Die Digedags bestechen ihre Leserschaft nicht mit einem „festen Klassenstandpunkt“, sondern mit menschlicher Größe. Dass sie ihre Abenteuer stets erfolgreich bestehen, gründet weniger auf einer kämpferischen Einstellung, als vielmehr auf Beweglichkeit und Kreativität. An humor- und phantasievollen, zum Teil fast absurden Situationen mangelt es dabei nie.
Es mag verwundern, dass die FDJ-Funktionäre dem „bunten Treiben“ der Digedags tatenlos zusahen. Doch der Erfolg gab den Mosaik-Machern Recht. Das profitable Mosaik sorgte für kontinuierlich hohe Gewinne. Unter diesen Umständen konnte offensichtlich so manche ideologische Barriere durchbrochen werden. Die zwischen 1969 und 1974 erschienene Amerika-Serie entwickelte sich zu einer der populärsten Episoden der Mosaik-Geschichte und lieferte ihr ganz eigenes Bild von einem „anderen Amerika“.

Digedags als Indianer aus der Amerika-Serie des "Mosaik", 1970

Das erste Heft zur Amerika-Serie, 1969

Die Digedags als Cowboys