1/2012

 

 Inhalt

Titel

Ich habe immer gezeichnet

Interview mit Johannes Hegenbarth, Schöpfer des "Mosaik"

mm Herr Hegenbarth, mit Ihrer großzügigen Schenkung an das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig ist Ihr Lebenswerk an den Ort zurückgekehrt, an dem Ihre künstlerische Entwicklung einen seiner wesentlichen Ausgangspunkte hatte.

 

Hegenbarth Ja, mit Leipzig verbindet mich viel. Dort konnte ich mein durch den Krieg unterbrochenes Studium wieder aufnehmen. Ich hatte 1941 nach dem Abschluss der Lehre an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien begonnen, Glasmalerei zu studieren, da meine Familie in Böhmisch Kamnitz einen Glasbetrieb besaß. Ich wurde aber schon bald als Technischer Zeichner dienstverpflichtet, bevor ich dann Soldat wurde. Unsere Familie verschlug es nach dem Krieg durch die Umsiedlung erst nach Liebstadt in Sachsen, später zogen wir nach Ilmenau. Da hatten sich aus Böhmen vertriebene Glasmacher angesiedelt, bei denen mein Vater und ich Arbeit fanden. Von dort ging ich 1947 an die Kunstgewerbeschule in Leipzig, wechselte aber schon bald an die Hochschule für Grafik und Buchkunst, weil sich mein Berufswunsch längst hin zum Grafiker und Illustrator verschoben hatte. An der Hochschule habe ich mit Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und Bernhard Heisig studiert. Lauter berühmte Maler, die heute alle nicht mehr leben. Ich bin der Einzige, der noch da ist.

 

mm Das Zeichnen und Illustrieren hatte in Ihrer Familie eine große Tradition.

 

 

Hegenbarth Ja, Emanuel Hegenbarth, ein Onkel väterlicherseits, war ein bekannter Tiermaler und Professor an der Kunstakademie in Wien. Und der berühmte Zeichner und Illustrator Josef Hegenbarth war der Cousin meines Vaters. Das waren schon hohe Maßstäbe.

 

mm Haben Sie sich deshalb erst einmal auf das Zeichnen von Karikaturen verlegt?

 

 

Hegenbarth Ich habe während des Studiums begonnen, Karikaturen zu zeichnen. Das war eine Möglichkeit, etwas dazu zu verdienen. Ich hatte aber schon immer eine humoristische Ader. Als dann der Frische Wind, der Vorläufer vom Eulenspiegel, immer öfter Karikaturen von mir druckte, bin ich von Leipzig nach Berlin gezogen, wo die Redaktion saß.


mm Ihre Karikaturen signierten Sie überwiegend mit Johannes Hegen …

 

Hegenbarth … ja, ich wollte mich namentlich etwas abheben von der großen Verwandtschaft.

 

mm Während Ihrer Zeit beim Eulenspiegel entstand dann auch ihre erste Comic-Figur.

 

Hegenbarth Das war das Rumpelmännchen! Eines Tages fragte der Chefredakteur Walter Heynowski, wer von uns Zeichnern eine lustige Figur für die Sammelaktionen von „Sekundärrohstoffen“ entwerfen möchte; es würde auch gesondert bezahlt. Der DDR fehlte es ja ständig an Rohstoffen, und deshalb wurde die Bevölkerung aufgefordert, Altpapier, Lumpen, Schrott usw. zu sammeln und gegen einen kleinen Obolus in Sammelstellen abzuliefern. Das haben meist die Kinder gemacht. Deshalb habe ich mich bei dem Entwurf an der Märchenfigur des Rumpelstilzchens orientiert. Heraus kam eine koboldähnliche Figur mit einem Lumpensack auf dem Rücken. Die kam an und war über viele Jahre die Werbefigur von SERO (so hieß die staatliche „Sekundärrohstofferfassung“ – Anmerkung der Redaktion).

 

mm Und dieser Kobold war sozusagen die Geburtsstunde der Digedags?

 

Hegenbarth Ich hatte gleich das Gefühl, dass sich aus der Figur noch mehr machen lässt. Ich habe dann immer weiter vor mich hingezeichnet, und langsam wurden aus dem einen Kobold drei selbstständige Figuren, die ein Eigenleben zu entfalten begannen. So sind die ersten Bildgeschichten mit den Digedags entstanden. Das Ticken der Wanduhr hat mich auf den Namen gebracht. Sie brauchen Tick, Tack, Ticketack nur auf sächsisch auszusprechen und schon sind Sie bei Dig, Dag und Digedag (lacht).

 

mm Wie wurde aus diesen ersten Anfängen die Zeitschrift Mosaik?

 

Hegenbarth Im Frühjahr 1955 bin ich mit einer Mappe mit Digedag-Geschichten zum Verlag Neues Leben gegangen und habe mich von der Sekretärin nicht abschütteln lassen. Der Verlagsleiter Bruno Peterson war sofort begeistert von meinen Entwürfen. Damals wusste ich noch nicht, dass er vom Zentralrat der FDJ den Auftrag hatte, eine eigene Reihe mit Bildgeschichten für die DDR herauszubringen, um den Comics aus dem Westen etwas entgegenzusetzen. Wir sind uns dann ganz schnell einig geworden. Im Dezember 1955 erschien schon das erste Heft des Mosaik.

 

mm Da steht dann Hannes Hegen als Ihr Name auf der Titelseite.

 

Hegenbarth Ja, von da an immer.

 

mm Das war aber erst der Anfang der Erfolgsgeschichte des Mosaik

 

Hegenbarth … die von Beginn an aber immer wieder gefährdet war. Der Verlag wurde ständig bedrängt, dass die Geschichten politischer werden sollten. Aber das wollte ich nie. So gab es ständig Reibereien.

 

mm Erst erschien das Mosaik vierteljährlich, ab Juli 1957 monatlich. Das kann doch kein Zeichner allein schaffen.

 

Hegenbarth Nein, es gab von Beginn an eine Mannschaft, die die Hefte bis zum Druck gebracht hat. Die wuchs schrittweise an. Bis zu zwölf Zeichner, Texter usw. haben stellenweise hier im Haus (Hegenbarths Privathaus in Berlin – Anmerkung der Redaktion) gearbeitet.

 

mm Lässt sich das wie eine Art Manufaktur vorstellen? Das wäre äußerst ungewöhnlich für die Presseverhältnisse der DDR.

 

Hegenbarth Anders wäre es aber nicht möglich gewesen, Monat für Monat ein neues Heft auszuliefern. Mit meiner Frau, der Kostümbildnerin Edith Hegenbarth-Szafranski, die erst als Zeichnerin bei mir angefangen hatte, habe ich die Grundfiguren entwickelt. Dann wurden die Geschichten durchgezeichnet. Danach kamen die Farben und der Text dazu. Das musste alles ineinandergreifen. Das ist ein schöpferischer Prozess, in den nicht ständig einer reinreden kann. Das mussten die (vom Zentralrat der FDJ – Anmerkung der Redaktion) einsehen, wenn sie weiter daran verdienen wollten. Und das ging dann immerhin fast 20 Jahre gut so.

 

mm Und wie ging es für Sie nach dem Aus für die Digedags 1975 weiter?

 

Hegenbarth Ich habe gezeichnet, was sonst: im Park, am Strand, im Theater, vor dem Fernseher – einfach überall. Ganze Städte- und Landschaftsserien sind entstanden, zum historischen und aktuellen Dresden, über Berlin oder den Spreewald. Ich habe tausende Zeichnungen angefertigt. In den 1980er Jahren erschienen die Amerika-Hefte des Mosaik als Reprints in Buchform. Da habe ich auch wieder die Digedags gezeichnet, für die Buchcover und neuen Eröffnungsseiten für die einzelnen Geschichten. Die Bücher sind bis heute gefragt und werden immer noch aufgelegt.



Johannes Hegenbarth (2.v.li.) bei seinem Besuch im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig anlässlich der Foyerausstellung zu seinem 85. Geburtstag zusammen mit seiner Schwester Edith Oesterreicher, Bernd Lindner (3.v.li.) und Rainer Eckert



Mit dieser Rötelzeichnung skizzierte Hegenbarth einen Kommilitonen an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, 1948.



Blick aus dem Fenster seiner Studentenbude in der Arthur-Hoffmann-Straße in Leipzig, Aquarell von 1948



Frühe Zeichnung von Dig, Dag und Digedag als Römer

Interview: Bernd Lindner