„Die Klassenauseinandersetzung auf sportlichem Gebiet hat ein solches Ausmaß erreicht, daß
prinzipiell kein Unterschied zur militärischen Ebene besteht. So wie der Soldat der DDR, der an der Staatsgrenze seinem imperialistischen Feind in der NATO-Bundeswehr gegenübersteht, so muss der
DDR-Sportler in dem Sportler der BRD seinen politischen Gegner sehen.“
Kaum eine andere Verlautbarung spiegelt die
politische Dimension des Sports im Kalten
Krieg so deutlich wider wie dieser Beschluss
des SED-Politbüros von 1968, mit dem die
DDR-Athleten und die Bevölkerung insgesamt
auf die Olympischen Spiele in München
1972 eingestimmt werden sollten. Während
Westdeutschland sich auf „heitere Spiele“
vorbereitete, um der Welt ein modernes,
friedliebendes und weltoffenes Deutschland
zu präsentieren, fragte das SED-Zentralorgan
„Neues Deutschland“ unter Anspielung auf
die von den Nationalsozialisten 1936 in Berlin
ausgerichteten Spiele: „Ist zweimal 36 vielleicht
72?“.
Den deutsch-deutschen sportlichen Entwicklungen
in der Bundesrepublik und der
DDR folgt die neue Ausstellung „Wir gegen
uns. Sport im geteilten Deutschland“, die
seit dem 24. November 2009 und
bis zum 5. April 2010 im Zeitgeschichtlichen
Forum Leipzig
zu sehen ist. Die Ausstellung
beschreibt die unterschiedlichen
Bedingungen
in Demokratie und Diktatur
und fragt nach der
Bedeutung des Sports im
deutsch-deutschen Wettstreit
der Systeme. Gleichzeitig
veranschaulicht sie
die Faszination des Sports,
indem sie an fest im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankerte glanzvolle
Höhepunkte, an Wettkämpfe und Rekorde
erinnert.
Im Sog der Politik
Freudentaumel in der Bundesrepublik: Die
„Helden von Bern“ gewannen 1954 unter
Bundestrainer Sepp Herberger die Fußball-
Weltmeisterschaft in der Schweiz.
Der unerwartete Sieg bei der
Weltmeisterschaft, der zudem
nur einige Stunden
nach einer triumphalen
Rückkehr der Mercedes-Silberpfeile beim Großen
Preis von Frankreich erfolgte, sorgte in der Bundesrepublik
für eine enorme Euphorie und gilt bis heute
als eines der bedeutendsten Sportereignisse
in der Geschichte der Bundesrepublik. In der
DDR zogen in den 1950er Jahren hingegen
die Friedensfahrt und die Leipziger Turn- und
Sportfeste die Aufmerksamkeit auf sich. Zusammen
traten West- und Ostdeutsche mit
einer gemeinsamen Mannschaft erstmals bei
den Olympischen Spielen 1956 an.
Doch während beide Seiten massenwirksame
Sportfeste und Erfolge feierten, stellte
die Politik ihre Weichen höchst unterschiedlich.
Im Osten Deutschlands ließen die Machthaber
keinen Zweifel daran, dass der Sport
ihren ideologischen Zielen zu dienen hatte.
Mit hohem agitatorischem Aufwand hob die
SED die besondere Bedeutung des Sports bei
der Errichtung der neuen Gesellschaft hervor.
Die Organisationen des Sports, vor allem der
1957 gegründete Deutsche Turn- und Sportbund
(DTSB), waren vollständig von ihr abhängig
und wurden von ihr gelenkt.
In der Bundesrepublik hingegen betonte
der 1950 gegründete Deutsche Sportbund
(DSB) seine politische Unabhängigkeit. Unbeschadet
dieser Grundhaltung setzte
er gemeinsam mit den politisch
Verantwortlichen alles daran, die
Bundesrepublik als alleinige Vertretung
Deutschlands auf der
Weltbühne des Sports zu etablieren.
Mit Erfolg: Sowohl
bei den Olympischen Spielen
1952 wie auch bei der Fußballweltmeisterschaft
1954
durfte nur eine westdeutsche
Mannschaft antreten.
Auch die innerdeutschen
Wettkämpfe – beispielsweise
das „Tischtennis-Vergleichstreffen
DDR-Westdeutschland“
in Leipzig 1950, das
„im Zeichen des gemeinsamen
Kampfes für den Frieden“
ausgetragen wurde
- befanden sich von Anfang an im Sog der Politik.
Bis Mitte der 1950er Jahre förderte die
SED die Begegnungen im Rahmen ihrer rhetorischen
Wiedervereinigungsoffensive. Erst
dann änderte die Partei ihren Kurs, da die
Kontakte nicht im gewünschten Ausmaß kontrollierbar
und politisierbar waren. Austausch
und Freundschaften ostdeutscher Sportler mit
dem „Klassenfeind“ konnten kaum verhindert
werden. Die SED begann nun, die „Infiltration“
zu fürchten, die sie ihrerseits zuvor intensiv
betrieben hatte.
Das westdeutsche Handeln war bestimmt
von großem Argwohn, vorübergehenden Abschottungsbemühungen
und Versuchen, die
Verbindungen nach „drüben“ zu pflegen, ohne
eigene Grundsätze aufzugeben. Für besondere
Aufregung sorgte in beiden deutschen Teilstaaten
der sogenannte Flaggenstreit. Als die
DDR im Oktober 1959 eine neue Staatsflagge
mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz einführte,
reagierte die Bundesregierung prompt
mit dem Verbot, die „Spalterfahne“ in Westdeutschland
zu hissen. Bei mehreren Wettkämpfen kam es über diese Streitfrage zum
Eklat.
Vorbild DDR?
Breiten Raum gibt die Ausstellung dem Ausbau
des Leistungssportsystems in der DDR
seit Mitte der 1960er Jahre. Sie zeigt die verschiedenen
Stationen in der Nachwuchsförderung
und belegt eindrucksvoll, wie stark das
Sportsystem in der SED-Diktatur unter dem
Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ stand. Zum
„Zuckerbrot“ gehörten Privilegien wie materielle
Vergünstigungen und Reisen auch ins
„nicht sozialistische Ausland“. Die „Peitsche“
bestand neben dem oft unmenschlichen Leistungsdruck
in der ständigen Überwachung
durch das Ministerium für Staatssicherheit
(MfS) und dem damit verbundenen Zwang zu
politischem Wohlverhalten. Einzelschicksale
stehen beispielhaft für die von der Staatsmacht
veranlassten Karrierebrüche sowie für
die Flucht zahlreicher DDR-Sportler in den
Westen.
Technisches Gerät aus dem
1977 geschaffenen Dopinglabor
in Kreischa, eine Liege für sportmedizinische
Untersuchungen
aus dem Leistungszentrum
in Kienbaum
sowie ein Medizinschrank
vom
Sportmedizinischen
Dienst veranschaulichen
ein besonders dunkles Kapitel des DDRSports:
das seit Mitte der 1960er Jahre betriebene
und staatlich gelenkte Zwangsdoping.
Dass die Manipulationen teilweise dramatische
Folgen hatten, belegen die Schicksale
Betroffener.
Die Ausstellung zeigt jedoch auch, dass das
DDR-Sportsystem trotz dieser Schattenseiten
vielen in der Bundesrepublik als vorbildlich
organisiert und sogar nachahmenswert galt. Mit der politischen und gesellschaftlichen
Aufwertung des Spitzensports seit Ende der
1960er Jahre reagierte Westdeutschland
nicht zuletzt auch auf die Erfolge der DDR. Die
Orientierung am „Sportwunderland“ machte
selbst vor der Übernahme von Dopingpraktiken
nicht halt.
Konkurrenz
Die Olympischen Winterspiele 1968 in
Grenoble waren eine Zäsur in der deutsch-deutschen
Sportgeschichte. Erstmals traten
Bundesrepublik und DDR mit getrennten
Mannschaften an, wenn auch noch unter einer
Fahne und mit einer Hymne. Weit wichtiger
aber war für beide Seiten das Kräftemessen
vier Jahre später in München, das
erwartungsgemäß mit einem Erfolg der DDR
endete. Im Medaillenspiegel erreichte sie vor
der Bundesrepublik den dritten Rang. Ein
Trost für die westdeutschen Zuschauer war
der Ausgang des deutsch-deutschen Duells
bei der Sprintstaffel: Schlussläuferin Heide
Rosendahl triumphierte im Endlauf über ihre
als Favoritin geltende ostdeutsche Konkurrentin
Renate Stecher.
Bis heute im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit
gegenwärtig ist das Aufeinandertreffen
der beiden Nationalmannschaften bei
der Fußballweltmeisterschaft 1974. „Mit der
Begegnung gegen die DDR geht ein Wunschtraum
vieler, ich möchte sagen, aller Deutschen
in Erfüllung“, äußerte sich Bundesaußenminister
Hans-Dietrich Genscher zur
bevorstehenden Begegnung. Im Gegensatz
zu den ostdeutschen Medien, die dem Spiel
betont sachlich entgegensahen, war sich die
westliche Presse darüber einig, dass im „Bruderkampf“
nur der Westen gewinnen könne.
Entgegen aller Erwartungen endete das Spiel
mit einem Sieg der DDR. Der Schock der westdeutschen Fans über diese „Schmach“
war groß, zumal die DDR allgemein nur als
„Fußballzwerg“ galt. Viele Ostdeutsche feierten
den unerwarteten Triumph und den Torschützen
Jürgen Sparwasser, der aber auch
den Zorn von Landsleuten zu spüren bekam,
die ihm übel nahmen, dass er dem verhassten
SED-Regime einen Prestigegewinn eingebracht
hatte.
In den 1980er Jahren rüstete die DDR im
Sport noch einmal mächtig auf. Technische
Innovationen und neue Trainingsmethoden
führten zu einer unglaublichen Erfolgsserie.
Während sich die Bevölkerung zunehmend
darüber empörte, dass an anderer Stelle dringend
benötigte finanzielle Mittel in den Leistungssport
flossen, bekannten sich die meisten
prominenten Sportler bis zum Ende der
DDR zum SED-Regime.
Gesamtdeutscher Sport
Die Ausstellung schließt mit einer Betrachtung
der Entwicklung im Sport seit der Wiedervereinigung. Sie erinnert an die Freude
über neu gewonnene Möglichkeiten und erste
gemeinsame Erfolge – etwa bei den Olympischen
Spielen in Barcelona und Albertville
1992 –, sie zeigt aber auch die Probleme beim
Zusammenwachsen von Ost und
West. Der 1990 einsetzende
Streit um die richtige
Auseinandersetzung
mit dem DDR-Erbe im
Sport hält bis in die
Gegenwart an.
Nach dem Ende
des Kalten Krieges
und der Überwindung
des Systemgegensatzes
gehören
zu den vorherrschenden
Wesensmerkmalen
des Sports
heute die zunehmende
Präsenz in den Medien
und der immer
wieder von schweren
Rückschlägen gekennzeichnete
Kampf gegen
Doping. Hinzu kommen
die deutlich gestiegene Einflussnahme von
Wirtschaftsunternehmen und die damit verbundene
starke Kommerzialisierung. Unpolitisch
ist der Sport nicht geworden. Seine Nähe
zur Politik, deren Repräsentanten ihn gerne
als Bühne nutzen, ist vielmehr ungebrochen.
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