|
Die Ausstellung „Skandale in Deutschland nach 1945“, die im Haus der Geschichte in Bonn mehr als 100.000 Besuche
zählte, ist vom 7. Mai bis zum 12. Oktober 2008 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen.
Moritz Müller-Wirth, Geschäftsführender Redakteur der „ZEIT“, führte am Eröffnungsabend vor dem Leipziger Publikum aus,
warum es Skandale nur in einer freien Gesellschaft mit unabhängigen Medien geben kann.
Normverstöße sind auch in der Diktatur nichts Ungewöhnliches. Nur fehlen dort in der Regel die Enthüllung und die öffentliche
Empörung. Deshalb erinnert die Ausstellung an 19 Skandale in der Bundesrepublik und an nur einen in der DDR. Erst als das
Machtgefüge der SED bereits Risse bekommen hatte, erlebte die DDR ihren ersten öffentlichen Skandal.
Wahlbetrug
Bei der Kommunalwahl in der DDR am 7. Mai 1989 lagen Wahlbeteiligung und Zustimmung zur Einheitsliste der Nationalen Front laut
offizieller Angaben bei nahezu 100 Prozent - ein gewohntes Ergebnis für die Menschen in der zweiten deutschen Diktatur.
Bürgerrechtler überführten jedoch diesmal durch systematische Wahlbeobachtung den Staat der organisierten Fälschung
und machten ihre Erkenntnisse der Bevölkerung zugänglich.
Noch am Abend des 7. Mai kam es in Leipzig zu wütenden Protesten gegen den Wahlbetrug. In den Tagen und Wochen danach erhoben
zahlreiche Menschen Einspruch - darunter auch bis dahin überzeugte SED-Anhänger. Sie verfassten Eingaben, erstatteten Strafanzeige
oder demonstrierten gegen die offensichtliche Fälschung des Wählerwillens. Am 7. Juni 1989 verhinderte die Polizei in Ost-Berlin
einen Schweigemarsch zum Staatsratsgebäude. Sicherheitskräfte sprengten den Protestzug und nahmen unter Gewaltanwendung 150
Demonstranten fest.
Anspruch und Wirklichkeit in der DDR
Der Skandal erschütterte die Legitimation des Regimes in seinen Grundfesten. Das Selbstbild der SED, als „vereinte Partei
der Arbeiterklasse“ die Interessen des gesamten Volkes zu vertreten, wurde als Trugbild entlarvt. In der DDR hatte sich eine
Gegenöffentlichkeit herausgebildet, die nicht mehr bereit war, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des SED-Staates
hinzunehmen. Die starre und realitätsferne Haltung der Staats- und Parteispitze ließ die oppositionellen Kräfte noch entschiedener
eine grundlegende Veränderung der politischen Verhältnisse fordern.
Der Skandal um die Wahlfälschungen in der DDR hatte daher keine „reinigende“ oder gar systemstabilisierende Wirkung.
Er verstärkte vielmehr den angestauten Unmut in der Bevölkerung, der sich schließlich in der friedlichen Revolution des Herbstes
1989 Bahn brach.
Anne Martin
|