1/2004

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Ausstellungen

 

"Um Geschichte auszustellen, muss man
  Geschichten erzählen können"

Interview mit der Ausstellungsgestalterin Petra Winderoll

Das Gestalterbüro Würth & Winderoll hat in seiner über zwanzigjährigen Firmengeschichte weit über 60 Ausstellungen umgesetzt. Zu den Auftraggebern zählen so bekannte Museen und Institutionen wie das Jüdische Museum in Berlin, das Germanische Nationalmuseum und das Goethe Institut. Für das Haus der Geschichte realisierten die Ausstellungsgestalter die Dauerausstellung, mehrere Wechselausstellungen sowie die Wanderausstellung "Widerstand und Opposition in der DDR". "Eine Ausstellung, die Mut macht und zeigt, dass Menschen stärker sind als Diktaturen" so Petra Winderoll.

Blick in die Ausstellung "Widerstand und Opposition in der DDR" im Berliner Reichstag

mm Frau Winderoll, wo lagen die gestalterischen Besonderheiten der Wanderausstellung "Widerstand und Opposition in der DDR"?

Winderoll Eine Besonderheit ist, dass wir versuchten, die Menschen zu zeigen, die hinter dem Widerstand in der DDR standen, ihre zentrale und bedeutende Rolle innerhalb des Ausstellungsraums herauszustellen.

mm Wie erreichen Sie das mit der Ausstellungsgestaltung?

Winderoll Wir setzen dazu Portraitaufnahmen und Lebensläufe ein, die innerhalb einer Ausstellungseinheit zentral positioniert sind, so dass der Blick des Besuchers zuerst darauf fällt. Im Hintergrund wird die dazugehörige Geschichte dargestellt. Damit wollen wir zeigen, dass die Geschehnisse nicht passiert wären, wenn nicht einzelne Menschen gehandelt hätten. Der Besucher kann sich also zuerst einmal die Lebensläufe anschauen und sich dann entscheiden, ob er sich in einzelne, geschichtliche Themen dahinter näher vertieft. Durch die räumliche Staffelung der Eindrücke entstehen zudem mehrere Informationsebenen und Erlebnisräume für den Besucher.

mm Der inhaltliche Bereich der Ausstellung umfasste ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte. Wie schafft man es, auch weit zurück liegende Inhalte jungen Besuchern näher zu bringen?

Winderoll Das Problem jeder Ausstellung ist zunächst, Besucher unterschiedlichen Wissensstandes und unterschiedlichen Alters zu informieren. Unser Anliegen ist dabei immer, vor allem auch Jugendliche zu erreichen. Besonders für junge Leute ist es wichtig, in einer Ausstellung Dinge zu finden, die ihnen vertraut sind. So kommt der Einsatz von interaktiven Medien bei ihnen natürlich sehr gut an oder Filme, in denen Aktion gezeigt wird. Aber auch mit Objekten, in denen sie ihre eigene Alltagswelt wiederfinden können, setzen sich Jugendliche auseinander. In "Widerstand und Opposition" gibt es zum Beispiel eine Abiturklasse von 1949, die sich mit ihrem Lehrer zusammen gegen das Regime geäußert hat. Wir zeigen hierzu eine große Aufnahme von deren Tanzstunde. Darunter sieht man, wie viele von ihnen danach verhaftet wurden. An diesem Punkt können wir die Jugendlichen von heute abholen: die Tanzstunde, dasselbe Alter und der Gedanke, auch ich hätte betroffen sein können.

mm Wie werden Medien in die Ausstellung integriert?

Winderoll Der Einsatz moderner Medien sollte heutzutage in Ausstellungen selbstverständlich sein. Oft setzen wir gleiche Medien für ähnliche Inhalte ein, um wiederkehrende Themen miteinander zu verbinden und um den Besuchern das Zurechtfinden zu erleichtern. Wenn wir uns in der Ausstellung "Widerstand und Opposition" dafür entscheiden, große Demonstrationen - wie z. B. die des 17. Juni 1953 - immer über filmische Installationen darzustellen, zieht sich das durch die ganze Ausstellung. Die älteren Besucher haben die Bilder der damaligen Geschehnisse vielleicht noch im Gedächtnis, aber die Jugendlichen nicht.
Aber auch andere Darstellungsmittel schaffen inhaltliche Verbindungen. In dieser Ausstellung werden viele Urteile und Vernehmungsprotokolle gezeigt. Wir präsentieren diese Papiere immer auf Pulten zum Blättern. Wer möchte, kann diese Dokumente ausschnittsweise oder ganz lesen und die menschlichen Schicksale hinter dem scheinbar leblosen Papier entdecken.

mm Ab welchem Zeitpunkt arbeiten Sie an einer Ausstellung mit?

Winderoll Die inhaltliche Konzeption wird von den Museen festgelegt. Es ist selten, dass Gestalter dabei einbezogen werden. Auf der Basis dieses inhaltlichen Gerüsts beginnen wir unsere Arbeit: Entwickeln die Ausstellungsarchitektur, schaffen Erlebnisräume, akzentuieren durch die Gestaltung die inhaltlichen Schwerpunkte. Wir lernen die Exponate kennen und entwickeln dafür die entsprechenden Ausstellungsstrukturen, Inszenarien, Vitrinen und Wandelemente.

mm Reisen Sie die Orte vorher ab, in der die Ausstellung zu sehen sein wird?

Winderoll Üblicherweise schicken uns die Veranstalter Pläne von den Ausstellungsorten und Fotografien der Räumlichkeiten zu. Darauf sehen wir, wie die Eingänge beschaffen sind, wo Steckdosen liegen, wie die Beleuchtung installiert ist usw. Nur in komplizierten Fällen besuchen wir vor dem Aufbau die Orte. Das war beispielsweise in Schwerin der Fall, wo die Ausstellung in einer Kirche stattfand, die auch noch zu Gottesdiensten benutzt wird.

mm Die Ausstellung wurde von vielen Menschen in Ost und West besucht. Was sollte Sie im Bewusstsein der Besucher erreichen?

Winderoll Es ist eine Ausstellung, die Mut machen und zeigen soll, dass couragierte Menschen auch Diktaturen überwinden können.

Interview:
Markus Stadtmüller

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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