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Der Vierteiler lief in den USA am 16. April
1978 bei NBC an. Am selben Abend auch in
Kanada. Im Juli in Hongkong. Im September
in Australien, Großbritannien, Israel und in
Belgien. Im Oktober in Japan und Brasilien.
Am 22. Januar 1979 begann die Ausstrahlung
von "Holocaust" im westdeutschen Fernsehen,
aber nicht im Ersten Programm, sondern in
einem Verbund der Dritten, weil wütende
Zuschauer- und Kritikerreaktionen befürchtet
wurden. Denn schon vor der Ausstrahlung
wurde "Holocaust" verrissen. Die TV-Serie
"verkitsche" den deutschen Massenmord an
den europäischen Juden, sie "trivialisiere"
Auschwitz und sei mit seinen Aufnahmen
von zitternden splitternackten Frauen in der
Gaskammer "Pornographie schlimmster Art".
Aber die Gegner blieben in der Minderheit.
Fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung
in der Bundesrepublik (48 Prozent) sah "Holocaust".
Stand bis dahin vor allem die Analyse
der politischen Verhältnisse im Vordergrund
der Beschäftigung mit der Vergangenheit,
rückte die Fernsehserie den Mord an den
rund sechs Millionen
europäischen Juden ins Bewusstsein der Deutschen.
Dies gelang durch emotionale Ansprache
und Teilnahme am persönlichen Schicksal
zweier deutscher Familien.
Die eine Familie ist die des Juristen Erik
Dorf, die andere die Arztfamilie Weiss. Dorf
ist Deutscher christlichen Glaubens, Dr. Weiss
Deutscher jüdischen Glaubens. Die beiden
Familien sind fast Nachbarn. Josef Weiss ist
Hausarzt der Familie Dorf. Und Dorf hilft
immer wieder mal mit juristischem Rat. Das
Jahr 1935 scheint für beide ein gutes und
glückliches Jahr zu werden. In der Familie
Weiss gibt es eine Heirat. Und bei den Dorfs
kommt endlich Geld ins Haus, der arbeitslose
Jurist erhält eine gut bezahlte Anstellung.
Aber der Schein trügt. Denn der älteste Sohn
Karl Weiss heiratet keine Jüdin, sondern eine
Katholikin, Inga Helms, was nach den Nürnberger
Gesetzen verboten ist. Und Erich Dorf
wird bei der SS persönlicher Referent von
Heydrich. Was er in dieser exponierten Stellung
erfährt, ist so schrecklich, dass er 1938
zu seinem Hausarzt Weiss geht und ihm und
seiner Familie empfiehlt, Deutschland zu verlassen.
Aber Frau Weiss weigert sich, Dorfs
Rat zu befolgen, was katastrophale Folgen
hat.
Ihre Eltern nehmen sich nach Misshandlungen
im Novemberpogrom (1938) das Leben,
ihr Mann, ihr ältester Sohn und Berta
Weiss selbst sterben in Auschwitz und ihre
Tochter Anna, die nach einer Vergewaltigung
durch SA-Sadisten geisteskrank wird, kommt
in der Heilanstalt Hadamar um. Lediglich Berta
Weiss' zweiter Sohn Rudi, der in den Untergrund
geht und Partisan wird, ihr Enkelsohn
und ihre Schwiegertochter überleben. Währenddessen
gibt Nachbar Erik Dorf den Anstoß
zum Einsatz von Zyklon B in Auschwitz und
steigt unaufhaltsam in der Hierarchie der SS
auf. Aus dem arbeitslosen Juristen wird ein
wohlhabender Massenmörder, der sich am
Ende des verlorenen Kriegs das Leben nimmt,
verehrt von seiner gut versorgten Witwe und
seinen beiden Waisen.
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Damit endet die deutsche Fassung. Das
amerikanische Original hat ein Happy-End:
Rudi trifft seine Schwägerin Inga mit ihrem
Sohn wieder. Beide geben ihre deutsche Identität
auf. Inga emigriert nach England. Rudi geht
in das britische Mandatsgebiet Palästina, um
für die Gründung des Staates Israel zu kämpfen,
für eine neu Identität, was von den Fernsehzuschauern
in Israel begeistert aufgenommen
wurde.
Über 77 Prozent der Haushalte hatten ihr
Gerät eingeschaltet - weltweit die höchste
Quote - und eine Mehrheit der Jugendlichen
und Erwachsenen war nach der Sendung
überzeugt, dass "Holocaust" die Bedeutung des
Zionismus und des Staates Israel verstärkt habe.
Und über die Zuschauerreaktionen in der
Bundesrepublik schrieb Ephraim Kishon in
einem Artikel 1979 eine im nachhinein zutreffende
Einschätzung: "Ich glaube, einige
Leute werden mit Wut und Furcht reagieren.
Aber viele werden zum ersten Mal das ganze
Ausmaß dieses Völkermordes sehen und erschüttert
sein."
Friedrich Knilli
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Für den Spiegel
war der Vierteiler
"ein schlimmer Reißer,
der den Völkermord
auf Bonanza-Maße
schrumpfen läßt".
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Der Autor
Prof. Dr. Friedrich Knilli beschäftigte sich Anfang der 1980er Jahre
im Rahmen seiner Forschungstätigkeit mit dem Film "Holocaust".
Er lehrte Allgemeine Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt
Medienwissenschaft an der TU Berlin.
> Friedrich Knilli/Siegfried Zielinski (Hrsg.):
Holocaust zur Unterhaltung. Anatomie eines internationalen Bestsellers.
Berlin 1982
> Friedrich Knilli/Siegfried Zielinski (Hrsg.):
Betrifft: "Holocaust". Zuschauer schreiben an den WDR.
Berlin 1983
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