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Brennpunkt

 

Der Wolf und die sieben Geißlein

U 999 rettet deutsche Flüchtlinge

Es war eine Tauchfahrt, die in die Marinegeschichte einging. Flucht, Befehlsverweigerung, Minengürtel und schließlich die Selbstversenkung gehörten zur abenteuerlichen Reise des U-Boots U 999 in den letzten Kriegsmonaten. Erinnerungsstücke und Dokumente übergab der damalige Kapitän Wolfgang Heibges 2003 dem Haus der Geschichte.

März 1945: Ostpreußen steht in Flammen. Auf der Halbinsel Hela an der Danziger Bucht drängen sich Zehntausende Menschen auf der Flucht vor der Roten Armee. Panik, Entsetzen, Todesangst zeichnen die Gesichter.

U 999 sichert die Evakuierung der memelländischen Bevölkerung im September 1944

Wo bleiben die rettenden Schiffe? Oberleutnant zur See Wolfgang Heibges erhält den Befehl, sein U-Boot nach Hamburg zu verlegen. Am Abend vor dem Auslaufen errechnet der 22-jährige Kommandant zusammen mit seinem Leitenden Ingenieur, dass U 999 bis zu fünfzig Personen zusätzlich an Bord nehmen kann, ohne die Tauchfähigkeit des Bootes zu gefährden. Der Entschluss, gegen den ausdrücklichen Befehl der U-Boot-Führung "Keine Flüchtlinge an Bord" zu verstoßen, ist für den jungen "Alten" eine Frage des Gewissens. "Ich musste diesen armen Menschen einfach helfen", sagt er heute. "Das militärische Risiko hielt ich für vertretbar."

Kurz vor dem Ablegen am frühen Morgen des 13. März 1945 erlaubt Heibges auf der Pier stehenden Frauen, an Bord zu kommen. Es sind drei Schwestern mit insgesamt sieben Kindern. Während der "Einschiffung" weist ein Maat seinen Kommandanten daraufhin, dass an Land eine Gruppe Hitlerjungen umherirre, die zum Bau von Panzergräben eingesetzt worden sei. So pfercht Heibges schließlich über vierzig Zivilisten in seine enge "Tauchröhre", in der schon die fünfzig Mann Besatzung kaum Platz finden.

Märchen für die Kinder

Vor dem kleinen Fischereihafen Hela lauern sowjetische U-Boote, Kriegsschiffe, Schlachtflieger und Minensperren. Heibges will kein Risiko eingehen und läuft getaucht aus. 140 Seemeilen, zwei Tage lang, fährt U 999 bei einer Geschwindigkeit von nur drei Knoten (5,4 Stundenkilometern) nach Westen. In der Zentrale, dem Nervenzentrum des Bootes, baumeln Windeln. Kinder liegen in Hängematten in der Oberfeldwebelmesse und in den Kojen der Wachoffiziere.

"Der Wolf und die sieben Geißlein" - Holzarbeit eines ehemaligen Besatzungsmitglieds von U 999

Für die Mütter hat der Kommandant seine Kabine geräumt. Den Hitlerjungen bleibt nur eine Ecke im Maschinenraum. Um die Kinder ruhig zu halten, lesen die Offiziere aus Andersens Märchen vor und verteilen Bonbons. Die beiden ältesten Mädchen dürfen hin und wieder mit zum Ausguck auf den Turm. Denn das Boot muss in regelmäßigen Abständen für mindestens zwei Stunden auftauchen, um die für die Unterwasserfahrt benötigten Batterien aufzuladen und die durch die doppelte "Besatzung" schneller verbrauchte Atemluft zu erneuern.

Vorwürfe wegen Menschlichkeit

Südlich von Bornholm gerät U 999 in einen deutschen Minengürtel, kann aber rückwärts wieder herausmanövriert werden. Die "Porzellanfuhre", wie Wolfgang Heibges sein Boot nennt, legt die übrigen 130 Seemeilen bis Warnemünde über Wasser zurück. Nach vier Tagen auf See gehen die Flüchtlinge am 17. März 1945 von Bord. Auch Heibges verabschiedet sich von den "sieben Geißlein", wie er die Kinder nennt. Ihnen bleibt er als der "Wolf" in Erinnerung. Die selbstgewählte Mission von U 999 lässt sich nicht geheim halten. Heibges wird vom "Führer der U-Boot-Ausbildungs-Flottillen" zum Rapport bestellt und sieht sich wegen Nichtbeachtung eines Befehls schweren Vorwürfen ausgesetzt. Ihm droht ein Disziplinarverfahren, doch lassen die Wirren der letzten Kriegswochen die Sache im Sand verlaufen. "Heute bin ich froh und dankbar, dass ich, statt feindliche Schiffe zu versenken und Menschenleben zu vernichten, in Not befindliche Menschen habe retten können."

Wiedersehen nach 45 Jahren

Am 1. April 1945 läuft U 999 in den Bunker des Stützpunkts Hamburg-Finkenwerder ein. Als britische Flugzeuge eine Woche später mit Spezialbomben angreifen, die die meterdicke Bunkerdecke durchschlagen, wird das Boot durch herabfallende Betonbrocken beschädigt. Einen Tag vor der Übergabe der Hansestadt an die Briten läuft U 999 durch den Nord-Ostsee-Kanal nach Kiel, das jedoch ebenfalls kurz vor der Kapitulation steht. "Wir wollten um jeden Preis unser Boot behalten und nicht in der Lüneburger Heide in letzter Stunde als Infanteristen verheizt werden", erinnert sich Heibges, der U 999 am 5. Mai 1945 als letztes deutsches U-Boot bei Flensburg selbst versenkt.

"Rettungsmedaille Ostsee 1945" des "Kuratoriums Erinnerungsstätte Albatros-Rettung über See", überreicht 1988 an Wolfgang Heibges

Das Schicksal von Heibges "Fahrgästen" lässt sich nur teilweise rekonstruieren: Von den Hitlerjungen hat er nie wieder etwas gehört. Der Ehemann von Gisela Müller, einer Mutter mit vier Kindern, hat sich beim "Alten" jedoch noch im März 1945 für die Rettung seiner Familie bedankt. Heibges hat sie 1990 besucht und ihr eine Schnitzerei von einem ehemaligen Besatzungsmitglied überreicht, die den Wolf und die sieben Geißlein zeigt. Für seinen "beispielhaften Einsatz bei der Rettung von Flüchtlingen, Verwundeten und Soldaten" ist er 1988 mit der "Rettungsmedaille Ostsee 1945" des "Kuratoriums Erinnerungsstätte Albatros - Rettung über See" ausgezeichnet worden. Seit 1989 kommt ein Teil seiner ehemaligen Mannschaft zu jährlichen "Treffen der Bordgemeinschaft U 96/U 999" zusammen.

Bekannte Kameraden


Mit jenem berühmten U-Boot, das in Lothar-Günther Buchheims Roman und Film "Das Boot" beschrieben wird, ist die Geschichte von U 999 eng verflochten. Denn U 96 wurde nicht, wie im Film dargestellt, bei einem Luftangriff versenkt, sondern im Januar 1943 aus dem Fronteinsatz zurückgezogen und in den Ausbildungsdienst übernommen. Hierbei erhielt es eine neue Besatzung, die im Sommer 1944 teilweise auf U 999 wechselte.

Heibges Enkelin Charlotte Segebarth hat die Fahrt vom "Wolf" und den "sieben Geißlein" notiert und beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2003 zum Thema "Weggehen - Ankommen" eingereicht. Ihr fünfter Platz hat nicht nur ihre Tutorin Jutta Offermanns vom Bischöflichen Mädchengymnasium Marienschule in Münster sehr gefreut, sondern auch die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, der Heibges seine Erinnerungsstücke und Dokumente von U 999 übergeben hat. Sie sind Belege für eine Evakuierungsoperation, die von ihrem Ablauf her einmalig in der Marinegeschichte ist. Sie zeigen, dass selbst in den mörderischen Wirren des Kriegsendes großer Mut ein Mindestmaß an Menschlichkeit ermöglicht hat.

Thomas Speckmann

Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bereitet eine Wechselausstellung zum Thema "Flucht und Vertreibung" vor, die ab Dezember 2005 zunächst in Bonn, danach im Zeitgeschichtlichen Forum der Stiftung in Leipzig sowie in Berlin zu sehen sein wird.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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