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 Haus der Geschichte, Bonn

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Verfreundete Nachbarn

Neue Wechselausstellung im Haus der Geschichte

Sie sprechen dieselbe Sprache, sie haben enge historische und kulturelle Gemeinsamkeiten. Die Ausstellung "Deutschland - Österreich" zeigt Berührungs- und Konfliktpunkte im vielschichtigen Verhältnis beider Länder und spannt den Bogen vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bis in die Gegenwart.

"Der Österreicher ist so deutsch, wie seine Donau blau ist. Dies ist sie bekanntlich, obschon das Walzerlied es obstinat behauptet, keineswegs. Sie war es vielleicht einmal ... in der Idee." Mit seinem Bonmot bringt der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar 1948 in eleganter Form eine verbreitete Stimmung zum Ausdruck. Die Abgrenzung von Deutschland war im Nachkriegsösterreich eine Frage des nationalen Überlebens, Kernstück politischer Selbstbehauptung und kultureller Selbstvergewisserung.

Die deutsch-österreichischen Beziehungen, diese traditionsreiche, aber auch bedrückende, diese vielfältige und zeitweise so schreckliche Geschichte ist Thema der neuen Ausstellung.

Deutschland und Österreich sind durch kulturelle und politische Gemeinsamkeiten verbunden, die auf eine Jahrhunderte lange Verbindung zurückgehen und durch die gemeinsame Sprache gefestigt sind. Das Verhältnis beider Länder ist zugleich vom Trauma der NS-Zeit und der radikalen Trennung bestimmt, die nach 1945 unter dem Diktat der Besatzungsmächte zur politischen Neuformierung Deutschlands und Österreichs führte.

Zwei Fragen erweisen sich in den bilateralen Beziehungen der letzten fünf Jahrzehnte als zentral und werden in der Ausstellung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Wie definieren sich die deutsche und die österreichische Identität im Wandel der Zeiten? Und: Welches Verhältnis haben die Deutschen und die Österreicher zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit?

Beide Fragen sind aufs Engste miteinander verflochten: Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes standen die Deutschen wie die Österreicher mit ihrem gebrochenen Geschichts- und Nationalbewusstsein vor der Notwendigkeit, ihr politisches und kulturelles Selbstverständnis neu zu begründen.

Rückblick

Um die historischen Ursachen für das starke Zusammengehörigkeitsgefühl verständlich zu machen, das die deutsch-österreichischen Beziehungen so nachhaltig bestimmt hat, erinnert ein Rückblick an die Jahrhunderte lange gemeinsame Tradition im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Nach dem Ende des Reichs 1806 wurde die großdeutsche beziehungsweise kleindeutsche Frage zum zentralen Konflikt, der über mehr als hundert Jahre virulent bleibt: Revolution 1848/49, deutsche Reichsgründung 1866/71, "Waffenbrüderschaft" im Ersten Weltkrieg 1914/18.

Des Weiteren rückt die Ausstellung die Ereignisse und Entwicklungen ins Blickfeld, die 1938 zum "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich führten. Der Wunsch nach Vereinigung mit Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich in fast allen politischen und gesellschaftlichen Lagern beherrschend und stieß auch in Deutschland auf großen Zuspruch.

Nach 1933 entwickelte sich daraus die "Konkurrenz zweier Diktaturen": Während Deutschland aggressiv den Anschluss betrieb, scheiterte der Austrofaschismus in seinem Versuch, die Sogkraft und den Einfluss des Nationalsozialismus abzublocken, indem er ihn in Organisationsstruktur und Symbolik kopierte. Der "Anschluss" Österreichs 1938 vollzog sich unter Androhung militärischer Gewalt, aber auch unter dem Jubel der Bevölkerung.

Nachkriegsbeziehungen

1945 begann ein neues Kapitel der Beziehungen: Deutschland und Österreich gingen getrennte Wege. Großdeutsche Vereinigungsideen waren diskreditiert. Der Wille zur politischen Abgrenzung von Deutschland und die Notwendigkeit, die wirtschaftlichen Beziehungen wiederaufzubauen, zwangen Österreich zu einem "Spagat". Rasch wurde die Bundesrepublik Deutschland zum wichtigsten Handelspartner und seit 1969 zum größten Kapitalgeber.
Exemplarisch für Intensität und Bandbreite der wirtschaftlichen Verflechtungen werden in der Ausstellung die "Autolegende" Porsche und als "Symbol des österreichischen Wirtschaftswunders" Kaprun dargestellt.

Alpenromantik: saftiges Gras, Pusteblumen, schneebedeckte Gipfel und mittendrin eine blondgelockte Schönheit

Identitätsfragen

Die deutsch-österreichischen Kulturbeziehungen sind von starker Konkurrenz geprägt. In der Bundesrepublik Deutschland und der DDR wirkte trotz Polarisierung im Zeichen der politisch-ideologischen Teilung die Idee der deutschen Kulturnation fort. Werke österreichischer Literatur, Musik und Kunst wurden in einer für Österreich provozierenden Weise vereinnahmt.
Im Gegensatz dazu entwickelte Österreich ein Bewusstsein kultureller Eigenständigkeit und grenzte sich hierbei demonstrativ von Deutschland ab.
"Es gibt kein geschichtliches Gebilde in Europa", erklärt der österreichische Historiker und Publizist Friedrich Heer, "dessen Existenz so sehr mit den Identitätsproblemen seiner Mitglieder verbunden ist wie Österreich." Deutschland ist möglicherweise das Land, in dem dieses Thema mit vergleichbarer Intensität und Beharrlichkeit behandelt wird.
Die Frage nach dem Verhältnis von deutschen und österreichischen Identitätsmustern zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Sie macht deutlich, dass das Image Österreichs in starkem Maße auch von den Klischees des Heimatfilms geprägt wird, der wie ein Werbeträger für das Urlaubsland Österreich wirkt. Lange Zeit rangierte Österreich als das Ferienziel Nummer eins für die Deutschen.

Die unterschiedliche Bewertung des Nationalsozialismus ist für die deutsch-österreichischen Beziehungen von grundlegender Bedeutung. Die "Erinnerung an den Anschluß" trifft nach Thomas Nipperdey den "Nerv des schwierigen Verhältnisses zwischen Deutschen und Österreichern". Die Ausstellung geht mit besonderer Aufmerksamkeit der Frage nach, welche Lehren Deutschland und Österreich aus dem Nationalsozialismus gezogen haben. In Österreich wurde der Nationalsozialismus unter Hinweis auf die Opferthese als "deutsches Problem" weggeschoben, in der DDR als Erscheinungsform des Faschismus verallgemeinert und damit entschärft. Neben den staatlichen Grundpositionen, die in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit gezeigt werden, rückt die Ausstellung mit den Auschwitz-Prozessen und dem Waldheim-Skandal die Ereignisse ins Bild, welche in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ausgelöst haben.

Neuorientierung

Der besondere Status Österreichs im Ost-West-Konflikt gewann in den 1970er Jahren im Entspannungsprozess zwischen den beiden deutschen Staaten ein spezielles Gewicht. Die Ausstellung widmet der Ära Bruno Kreisky-Willy Brandt besondere Aufmerksamkeit und beleuchtet die Geschichte ihrer persönlichen Freundschaft und politischen Zusammenarbeit.

Grenzschilder, Stacheldraht und Grenztor bilden den Auftakt des Schlusskapitels. Der Fall des "Eisernen Vorhangs" in Europa beendet nicht nur die Spaltung Deutschlands, sondern verändert mit der Einbindung Österreichs in die Europäische Union auch dessen besondere Lage.

Nähe und Distanz

Vor dem Hintergrund dieser turbulenten Geschichte verwundert es nicht, dass die wechselseitige Wahrnehmung von Österreichern und Deutschen bis heute zwischen Nähe und Distanz, zwischen starken Verwandtschaftsgefühlen und heftigen Abgrenzungsbedürfnissen schwankt.
Von erstaunlicher Aktualität erweist sich in diesem Zusammenhang das Schema "Preuße und Österreicher", in dem Hugo von Hofmannsthal 1917 die kulturellen Eigenarten der beiden kontrastreich in Beziehung gesetzt hat. Dem Preußen werden "Staatsgesinnung", "Streberei", "Mangel an historischem Sinn" bescheinigt, dem Österreicher "Heimatliebe", "Frömmigkeit", Genusssucht" und "historischer Instinkt".
Gilt nicht noch immer vom Piefke, er "behauptet und rechtfertigt sich selbst", und vom Österreicher, er "bleibt lieber im Unklaren"?

Andrea Mork

Die Wechselausstellung "Verfreundete Nachbarn. Deutschland - Österreich" ist von Ende Mai bis Ende Oktober 2005 im Haus der Geschichte zu sehen, anschließend wird sie im Zeitgeschichtlichen Forum und in Wien gezeigt.

  Mehr Abbildungen in der Print-Ausgabe.

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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