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Unterm Strich

Karikaturen in der DDR

Karikaturen hatten für viele Menschen in der DDR einen besonderen Reiz. Mit spitzer Feder kommentierten die Künstler das Widersprüchliche des SED-Staats, sie bringen den Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf den Punkt. Gleichzeitig waren satirische Zeichnungen von den SED-Machthabern gern genutzte Propagandamittel. Mit ihnen wollten sie ihre Weltsicht und Feindbilder unters Volk bringen.

7. Oktober 1989: 40. Jahrestag der Gründung der DDR. Seit Wochen überbieten sich die Medien im Staat Erich Honeckers mit selbstzufriedenen Rückschauen, stolzen Erfolgsmeldungen und optimistischen Zukunftsvisionen: Die DDR als "der erste sozialistische deutsche Staat" in enger Verbundenheit mit den "Bruderländern" auf dem Weg zum Sieg der Weltrevolution! Während auf der Ehrentribüne die hohen Funktionäre und ihre Gäste die Plätze einnehmen, sitzt Barbara Henniger, vielfach ausgezeichnete Karikaturistin der Zeitschrift "Eulenspiegel" und Mitglied des Zentralvorstands der Sektion Karikatur im Verband bildender Künstler, in ihrem Atelier in der Nähe Berlins.

Selbstinszenierung kurz vor dem Untergang: Karikatur zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR, Barbara Henniger

 

Sie kommentiert die Jubelfeier in einem sarkastischen Bild: Auf einem Karussell drehen sich einsam schwarze Staatskarossen um ein buntes Kulissenbild der DDR. Die wenigen Menschen, die ihnen dabei zusehen, halten teilnahmslos ihre roten Fähnchen.

Neue Lage

Zwei Tage später versammeln sich über 70.000 Menschen in Leipzig zur Montagsdemonstration und zwingen die Staatsmacht in die Defensive. Die friedliche Revolution erfasst das ganze Land und führt zum Sturz des SED-Regimes. Für unverrückbar gehaltene Fundamente des Lebens in der DDR brechen zusammen, Autoritäten verlieren ihre Macht. Am Abend des 9. November 1989 fällt die Mauer. Nicht nur die DDR, die Welt hat sich verändert.

Auch für die Karikaturisten in der DDR entsteht buchstäblich über Nacht eine völlig neue Lage. Sie und mit ihnen ihr Publikum sind über lange Jahre daran gewöhnt, dass sich die Verhältnisse im Land eher verfestigen als verändern, dass Kritik zu verschlüsseln ist, die Empfindlichkeit der Machthaber sowie die Parteilichkeit stets zu beachten sind und geeignetes Ziel nur der äußere "Feind" - Kapitalismus und Imperialismus - sein kann. Nun fallen plötzlich und unerwartet diese beengenden, aber vertrauten Rahmenbedingungen weg und machen einer noch unbekannten Freiheit Platz. Bislang für mutig gehaltene Zeichnungen mit subtilen Anspielungen und dosierten Provokationen verlieren rasch an Aktualität, Attraktivität und Bedeutung.


Neue Ziele, neue Unsicherheit

Nach dem Fall der Mauer ändern sich nicht nur die Themen vieler Karikaturisten, sondern auch der Blick auf die Realität in der DDR gewinnt an Biss und ironischer Treffsicherheit. Selbst Künstler, die bis dahin ausdrücklich unpolitisch zeichneten, nehmen nun Bezug auf das aktuelle Geschehen. Die neuen Freiräume bringen auch neue Schwierigkeiten mit sich. Der Potsdamer Grafiker Bernd A. Chmura formuliert treffend: "Keine Tabus mehr? Das heißt ja, dass die Idee offen zutage tritt! Welch eine Herausforderung. Und das Wesentliche: Von welcher Position aus soll man denn nun karikieren? Von Links? Von Rechts? Von Außen?"

Ausgeprägte Schnüffelorgane: Das Postgeheimnis und die Herren von der Staatssicherheit, Karikatur von Paul Pribbernow

Die mühevoll antrainierte Technik des Verschleierns und mehrdeutigen Zeichnens, die "Schere im Kopf", ist nun zwar nicht mehr nötig, doch entsteht dadurch - bei den Künstlern wie bei ihren Adressaten - eine bislang unbekannte Unsicherheit.


Bald zielt der Spott der Zeichner auch auf die Demonstranten, in deren Freiheitsrufe sich mehr und mehr andere Forderungen mischen. "Für ein Deutschland von gestern - noch heute" schreibt etwa Frank Leuchte einem biederen Familienvater auf das Protestschild und Hans-Jürgen Starke macht durch geschickte Manipulation aus der Losung "Demokratie sofort!" die Forderung "DM sofort!". Hier richtet sich der Blick bereits auf die Zukunft im vereinten Deutschland. Eine Reform des DDR-Sozialismus, auf die viele der friedlichen Revolutionäre - und sicher auch viele ostdeutsche Karikaturisten - im Herbst 1989 hoffen, ist für die große Mehrheit der Bevölkerung kein wünschenswertes Ziel. Das sozialistische Experiment der DDR ist gescheitert. "Tut mir leid Jungs! War halt nur so ‘ne Idee von mir…" Diese "Entschuldigung" legt Roland Beier 1990 einem harmlos dastehenden, fast unbeteiligt scheinenden Karl Marx in den Mund: Abgesang auf eine Epoche, eingefangen in einer einzigen Karikatur.

Daniel Kosthorst/Rainer Eckert

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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