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Der "Jahrhundertschritt"
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Mattheuers Plastik in Leipzig und Bonn |
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auf das 20. Jahrhundert. Wolfgang Mattheuers Plastik "Jahrhundertschritt" vor
dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zeigt die Zerrissenheit
des letzten
Jahrhunderts. Für
den Künstler,
der 2004 im April starb, war sie aber auch Hoffnung auf
eine bessere Zukunft.
Er hat es eilig. Sein Schritt
ist ausladend, seine Beine riesig. Der eine Fuß steckt in einem
Stiefel, der andere ist unbekleidet. Die rechte Hand
ist zum Führergruß erhoben,
die linke zu einer wütenden Faust geballt. Dort, wo der
Hals sein sollte, scheint der Rumpf auseinander zu reißen, um
einen unförmigen Kopf freizugeben.
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Schritt für Schritt aus einer zerrissenen Vergangenheit in eine
bessere Zukunft.
Gemälde "Jahrhundertschritt", 1987
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Der bronzene Riese hat etwas Unheimliches an sich. "Jahrhundertschritt" hat der Künstler Wolfgang
Mattheuer seine Plastik genannt. Sie soll den Widerstreit
zwischen den Diktaturen
des 20. Jahrhunderts verkörpern: zwischen
Faschismus und Kommunismus. Mattheuer ergänzt: "Diese
ausgestreckte "Heil" - Hand
hat auch etwas zu tun mit einem Hilfeschrei, mit dem
Verlangen nach einer
besseren Welt. Und die Faust ist nicht nur der
Gruß der
Kommunisten, sie ist ein Zeichen der Arbeiterbewegungen,
auch jeden Widerstandes und des Protestes".
Der 1927 geborene Künstler widmete sich nach einer Lehre als Lithograf
zunächst der Grafik und Malerei. Ab 1971
begann er seine plastischen Arbeiten. Seine systemkritischen
Gemälde
dominierten zwar weiterhin sein Schaffen, doch die Plastik "Jahrhundertschritt" wurde
von vielen als einer der Höhepunkte seiner künstlerischen
Entwicklung betrachtet. Schon bevor die Figur 1984 in
Gips geformt, übermalt
und in sechs Versionen gegossen wurde, tauchte sie immer
wieder in Mattheuers Bildern auf: So findet man sie auf
den Gemälden "Aggression" (1981), "Verlorene
Mitte" (1982) und "Albtraum" (1982).
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Das öffentliche "Einanderzuhören" bei
den Ost- West-Dialogen birgt allerdings auch seine speziellen
Herausforderungen. Menschen bemühen
sich um Verständnis, die
sich zu Zeiten der deutschen Teilung mittels Amt und
Anschauung nicht mögen durften: die Journalisten
Lothar Loewe und Ulrich Makosch etwa, die Geheimdienst-Gegenspieler
Heribert Hellenbroich und Markus Wolf, die Wirtschafts
experten Hellmuth Haussmann und Gerhard
Schürer.
Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen Themen der Zeitgeschichte und
aktuelle Fragen.
Auf dem Bild "Jahrhundertschritt" aus dem Jahr 1987 ließ Mattheuer
die Figur an einer langen Mauer entlang hasten. Damals
wollte er konkret auf die Situation in der
DDR hinweisen. Die Aussage der Plastik
möchte der Künstler
jedoch universeller verstanden wissen: "Die Diktaturen und Kriege
im 20. Jahrhundert meine ich damit." Obwohl also nicht nur die
deutsche Geschichte versinnbildlicht werden soll,
hielt er das Reichstagsgebäude
in Berlin für den besten Aufstellungsort
für
seine Plastik. "Verstehen Sie es bitte nicht als Selbstüberschätzung,
wenn ich sage, dass es ein ähnliches Werk nicht gibt, oder ich
kenne keines. Deswegen gehört es dorthin", sagte er in einem
Interview. Dieser Wunsch wurde dem Künstler zu Lebzeiten nicht
erfüllt, doch zwei seiner Gemälde sind im Reichstagsgebäude
zu sehen. Abgüsse der Plastik stehen u.a. vor der Grundkreditbank
in Berlin und dem Haus der Geschichte in Bonn.
Seit dem 30. September 1999 steht die Figur auch in Leipzig. Mit einer
Höhe von ungefähr 2,5 Metern ragt der eilende Riese aus der
Fußgängerzone auf und lädt zum Museumsbesuch ein.
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"Die Figur ist nicht eindeutig,
wie unser Jahrhundert nicht eindeutig war. Es
war zerrissen", sagte
Mattheuer. Dem Künstler war wichtig,
mit seiner Plastik nicht nur an die Vergangenheit
zu erinnern: "Das
weit ausschreitende weiße
Bein der Plastik soll die Hoffnung auf eine bessere
Zukunft zeigen, die nicht von einem militanten Stiefelbein
beherrscht werden möge."
Livia Loosen
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