Konrad Adenauer in Moskau
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Nach Abschluss der Pariser
Verträge 1955 gab es für die
Bundesrepublik Gesprächsbedarf
mit dem Osten. Auch
der Kreml musste sich mit
den neuen weltpolitischen
Verhältnissen arrangieren.
Nach Stalins Tod 1953
setzte "Tauwetter" ein, 1955
sandte der Kreml Zeichen
der Verständigungsbereitschaft
nach Westen.
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Im Mai 1955 hatte Konrad
Adenauer sein Ziel erreicht:
Mit dem Inkrafttreten der Pariser
Verträge und dem Beitritt
zur NATO war die Westbindung
der Bundesrepublik
unter Dach und Fach. Für den
greisen Gründungskanzler war
sie die Überlebensgarantie gegen
den Kommunismus, den
die Sowjetunion über die Welt
zu verbreiten auf ihre roten
Fahnen geschrieben hatte.
Eben diese Sowjetunion
war - kaum ein Jahrzehnt zuvor - der Gegner in einem beispiellosen
Vernichtungskrieg
gewesen: erst als Partner bei der Teilung
Polens, dann als Opfer des deutschen Angriffs
und schließlich als Siegermacht, die bis in die
Mitte Deutschlands vorgedrungen war. Nach
wie vor hielt sie wesentliche Rechte an und in
Deutschland und vor allem den Schlüssel zu
einer Wiedervereinigung Deutschlands in der
Hand, die in den 1950er Jahren ganz oben auf
der Bonner Tagesordnung stand. Nach dem
Abschluss der Westbindung gab es am Rhein
Gesprächsbedarf mit dem Osten.
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Kontroverse Interessen
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Drei Themen standen im Mittelpunkt
bundesdeutsch-sowjetischer Gespräche: An
erster Stelle rangierte die Bonner Forderung
nach Wiedervereinigung. Praktische Fortschritte
auf dem Weg dorthin, zumindest aber
die Wahrung von Optionen und Rechtspositionen
waren das Ziel, mit dem die Bundesregierung
nach Moskau fuhr.
Das sowjetische Interesse hingegen zielte
auf das Gegenteil: nicht auf Revision, sondern
auf Anerkennung und Befestigung des Status
quo. Daraus resultierte ihr wesentliches Interesse
an den Verhandlungen, nämlich - zweitens - die Aufnahme von vollen diplomatischen
Beziehungen zwischen Moskau und Bonn.
Als drittes Thema stand schließlich die Frage
der noch in der Sowjetunion verbliebenen
deutschen Kriegsgefangenen an. Der Kreml
stellte sich dabei auf den Standpunkt, in der
Sowjetunion gebe es keine deutschen Kriegsgefangenen
mehr, sondern nur noch 9.626
rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher.
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Am 8. September 1955 brach eine etwa
hundertköpfige bundesdeutsche Delegation mit
knapp 80 Journalisten im Gefolge zu einer
sechstägigen "Reise ins Ungewisse" (Hans-
Peter Schwarz) auf. Zwei neue Super-Constellations
der Lufthansa, die eben erst wieder das
Fliegen gelernt hatte, und zwei weitere Linienmaschinen
wurden begleitet von einem
Sonderzug, der in Moskau als exterritorialer
Diplomatenzug rangierte. Da es dort keine
westdeutsche Botschaft gab, diente er der Bonner Delegation als, wie
man hoffte, abhörsicheres
Hauptquartier für vertrauliche
Gespräche. Angekoppelt war
der Salonwagen des Kanzlers
mit der Wagennummer "10
205 Köl" - der heute die Besucher
empfängt, die das
Haus der Geschichte durch
das Untergeschoss betreten.
Aufgeladen war auch der
Mercedes 300 des Kanzlers - heute ebenfalls in der Bonner Dauerausstellung
zu sehen.
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Staunende Blicke:
Adenauers
Staatskarosse im
Haus
der
Geschichte
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Mit großem Zeremoniell und allen Ehren
wurden die deutschen Gäste empfangen. In
den Verhandlungen allerdings ging es weniger
galant zu: Adenauer und Chruschtschow gerieten
am Konferenztisch hart aneinander - insbesondere über den Zweiten Weltkrieg und
seine Folgen. Westdeutsche und Sowjets hatten
darüber noch nie zuvor gesprochen; die traumatischen
Erfahrungen waren noch frisch und
saßen tief. Dies verlieh den Verhandlungen
allerdings nicht nur Härte, sondern auch einen
großen Ernst.
Doch es blieb nicht bei bloßer Konfrontation.
Gesellschaftliche Veranstaltungen wie der
gemeinsame Ballettbesuch im Bolschoi-Theater,
bei dem Adenauer, Chruschtschow und
Bulganin sich demonstrativ die Hände reichten,
lockerten die Stimmung ebenso auf wie
der unvermeidliche Alkohol und am Rande der
Verhandlungen entspannten sich vertrauliche
Gespräche.
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Der Salonwagen, der im Haus
der
Geschichte zu sehen ist,
diente während
der Moskaureise
als Besprechungszimmer
für Adenauers Delegation.
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Dennoch steuerten die Gespräche in die
Krise. In der deutschen Frage bewegte sich der
Kreml nicht um einen Millimeter. In Stein gemeißelt
war auch die sowjetische Conditio
sine qua non der Verhandlungen: volle diplomatische
Beziehungen. Dann aber würden in
Moskau zwei deutsche Botschafter residieren - dies drohte den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik zu untergraben und die
gesamte Bonner Deutschlandpolitik ins Rutschen
zu bringen. Daher rieten etliche Politiker
und Beamte der Bonner Delegation von einem
Abschluss mit Moskau ab.
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Durchbruch
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Adenauer aber nahm diesen Positionsverlust
in Kauf, um beim dritten Verhandlungsgegenstand
zum Erfolg zu kommen: den
Kriegsgefangenen, oder, wie er vorsichtig formulierte,
den in der Sowjetunion "zurückgehaltenen
Personen". Auch in dieser Frage
bewegte sich zunächst tagelang nichts. Schließlich
beorderte Adenauer die Lufthansa-Maschinen vorzeitig zurück nach Moskau. Das
Signal seiner Bereitschaft zum Abbruch der Verhandlungen zeigte Wirkung: Bei einem
Bankett im Kreml gab ihm die Sowjetführung
die mündliche Zusage, die deutschen Verurteilten
und Zivilinternierten alsbald zurückzuführen.
Gegen den Rat seiner Umgebung verließ sich Adenauer auf dieses Versprechen.
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Der Kreml hielt Wort: Im Oktober 1955
trafen die letzten Russlandheimkehrer in der
Bundesrepublik ein. Ihre Rückkehr zehn Jahre
nach Kriegsende löste bewegende Szenen und
eine Welle der Emotionen aus. Fortan galt die
Heimholung der Kriegsgefangenen, Meinungsumfragen
zufolge, als Adenauers größte politische
Leistung. Instinktsicher hatte er dem humanitären
Fortschritt den Vortritt vor dem
deutschlandpolitischen Standpunkt gegeben.
Was die Frage der Wiedervereinigung anging,
so war Adenauer in der Tat vorderhand
kein Erfolg beschieden. Der Mauerbau 1961
zeigte dies in aller Deutlichkeit. Doch besaß die
Bundesrepublik unter den Bedingungen des
Kalten Kriegs letztlich auch keinen gestaltenden
Einfluss auf die deutsche Frage.
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Selbstgefertigtes Schachspiel eines Kriegsgefangenen
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Sie kam
nicht umhin, sich mit den Verhältnissen zu
arrangieren. Zu den großen Ironien der Geschichte
gehört dabei, dass die Magnettheorie - die Politik der Stärke und die Wiedervereinigungsszenarien
der 1950er Jahre - als sie
politisch längst obsolet geworden waren,
1989/90 zur Blaupause für die Wiedervereinigung
Deutschlands wurden. Der Kalte Krieg
war immer wieder für Überraschungen gut.
Andreas Rödder
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Der Autor ist Professor für
Neueste Geschichte an der
Johannes Gutenberg-Universität
Mainz und Mitglied
des Wissenschaftlichen
Beirats der Stiftung Haus
der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
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Mehr Informationen über den
Salonwagen finden Sie in
der Publikation „Salonwagen
10205“, die für 5 € im
Museumsshop erhältlich ist.
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Die Publikation „Adenauer 300.
Geschichte
eines Dienstwagens“
ist für
7,90 € im Museumsshop
erhältlich.
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Mehr Abbildungen in der Printausgabe
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