4/2002

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"War das alles wirklich so?"

Interview mit Pierre Boom, Sohn von Günther Guillaume

Anlässlich der Ausstellung "Duell im Dunkel. Spionage im geteilten Deutschland" führte Henrike Girmond am 15. Mai 2002 ein Gespräch mit Pierre Boom, dem Sohn von Christel und Günter Guillaume, das wir in gekürzter Form wiedergeben. Im vollen Wortlaut erscheint das Interview im gleichnamigen Begleitbuch zur Ausstellung.

H.G. Am 24. April 1974 stürmten morgens um 6.32 Uhr 20 BKA-Beamte die elterliche Wohnung und verhafteten Ihre Eltern wegen dringenden Verdachts des Landesverrats. Wie haben Sie dieses Ereignis in Erinnerung?

Boom Ich erinnere mich lebhaft: Es waren Ferien und ich durfte ausschlafen. Sehr früh am Morgen war Unruhe in der Wohnung. Meine Zimmertür war angelehnt. Ich habe wahrscheinlich eine Weile gebraucht, bis ich richtig wach war, und bin dann aufgestanden, zur Tür gegangen - der ganze Flur war voller Menschen, hauptsächlich Männer, alle in Zivil, aber in Anzügen. Ich dachte: "Was ist denn da los?" - aber in dem Moment, es waren wahrscheinlich nur Minuten, drehte sich schon jemand zu mir um und sagte: "Herr Guillaume, gehen Sie bitte in Ihr Zimmer zurück und ziehen Sie sich an." Ich erinnere mich, dass ich mich aufs Bett gesetzt habe, zum Fenster gegangen bin, und da sah ich unten, wo normalerweise keine Autos parken durften, überall Autos, zivile. Ich glaube, mich auch zu erinnern, dass unten vorm Haus Uniformierte, bewaffnete Uniformierte Aufstellung genommen hatten. Das hat dann die Verwirrung noch vergrößert.

H.G. Konnten Sie sich damals, 1974, überhaupt vorstellen, dass Ihre Eltern spioniert haben?

Pierre Boom ist 17, als das Bundeskriminalamt seine Eltern Christel und Günter Guillaume im Frühjahr 1974 vor seinen Augen verhaftet. Christel Guillaume, Angestellte bei der Hessischen Landesvertretung, und Günter Guillaume, Referent des Bundeskanzlers Willy Brandt, werden des Landesverrats beschuldigt und im Dezember 1975 zu langen Haftstrafen verurteilt. Brandt zieht die Konsequenzen aus der "Affäre Guillaume" und tritt nur zwei Wochen nach der Verhaftung des Ehepaares von seinem Amt zurück.1975 siedelt Pierre in die DDR über. Seine Eltern werden 1981 aus der Haft in die DDR entlassen. Zum Jahreswechsel 1987/88 stellt Boom einen Ausreiseantrag und kommt im Mai 1988 zusammen mit Frau und Kindern wieder in die Bundesrepublik. Er nimmt den Mädchennamen seiner Mutter an. Pierre Boom lebt heute als freier Journalist in Berlin. Günter Guillaume stirbt 1995 in Berlin.

Boom Nein. Das war für mich so unvorstellbar, so wie ich meine Eltern, wie ich meinen Vater kannte. Ich kannte seine Arbeitsräume im Kanzleramt, im Jahr davor war ich bei der Norwegenreise mit Willy Brandt dabei. Ich weiß bis heute nicht, wann mir klar wurde: Es stimmt, was sie meinen Eltern vorwerfen.

H.G. Im Mai 1974 zog Willy Brandt die Konsequenzen aus der Affäre Guillaume und trat als Bundeskanzler zurück. Können Sie sich noch erinnern, was Sie dabei empfanden?

Boom Das war ein Schock - für mich ein doppelter Schock, dass er wegen der "Spionageaffäre Guillaume" zurücktrat. Es war schwierig für mich, meinen Kopf und mein Herz in übereinstimmung zu bringen. Ich konnte nicht mit meinen Eltern oder meinem Vater brechen. Ich versuchte zu begreifen, warum sie das gemacht haben. Letztendlich habe ich es nicht verstanden.

H.G. Mit dem Wissen, der Vater, die Eltern arbeiteten als Spione, würden Sie im Nachhinein manche Kindheits- und Jugenderinnerungen anders bewerten?

Boom Ja, natürlich habe ich dann Vieles hinterfragt: Urlaube, gemeinsame Ausflüge, oder die Angewohnheit meines Vaters in den letzten Jahren, immer sonntags zum Flughafen zu fahren. Da gab es nämlich einen offenen Zeitungskiosk, das war in den 1970er Jahren noch nicht so verbreitet wie heute. Er hat mich dorthin mitgenommen, das war fast ein Ritual sonntagvormittags. Danach habe ich erfahren, diese Sonntagsreisen haben dazu gedient, dass er sich mit irgendwelchen Leuten trifft und Informationen austauscht. Solche Erlebnisse haben ein Gefühl der Unsicherheit hinterlassen: "War das alles wirklich so, wie ich mich daran erinnere?"

Familienidylle 1960:
Christel und Günter Guillaume mit Sohn Pierre und Großmutter Erna Boom

H.G. Ihre Eltern wurden in der DDR als "Kundschafter des Friedens" geehrt, hielten Vorträge, erhielten Auszeichnungen. Eine politische oder geheimdienstliche Karriere innerhalb der SED oder des MfS hat Ihr Vater nach seiner Rückkehr aber nicht gemacht, obwohl man annehmen könnte, dass sein "West- Know-how" hätte gefragt sein müssen. Wie erklären Sie sich das?

Boom Es gibt ja die Regel, wenn ein Agent auffliegt, ist er "verbrannt", er wird zum Sicherheitsrisiko. Richtig in den Apparat hineinlassen wollten sie meine Eltern nicht. Mein Vater hätte sich auch ein politisches Amt vorstellen können, im Außenministerium zum Beispiel. Allerdings hätte der ehemalige Kanzlerspion wohl kaum eine politische Funktion auf internationalem diplomatischem Parkett wahrnehmen können. Meine Eltern haben das nicht wirklich verstanden und fühlten sich nicht gebraucht, fehl am Platz.

> mehr zur Ausstellung "Duell im Dunkel. Spionage im geteilten Deutschland" in der Rubrik Ausstellung

Geteiltes Deutschland

Rücktrittsgesuch des Bundeskanzlers Willy Brandt

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Ich übernehme die politische Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume und erkläre meinen Rücktritt vom Amt des Bundeskanzlers.
Gleichzeitig bitte ich darum, diesen Rücktritt unmittelbar wirksam werden zu lassen und meinen Stellvertreter Bundesminister Scheel, mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Bundeskanzlers zu beauftragen, bis ein Nachfolger gewählt ist.

Mit ergebenen Grüßen
Ihr

Willy Brandt

 © 2008 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

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